Das Wichtigste
Der Reizdarm oder das Reizdarmsyndrom ist ein häufiges Gesundheitsproblem. In der westlichen Welt kommt es in 10 bis 20% der Bevölkerung vor. Es beruht auf der sehr unangenehmen und belastenden Bereitschaft des Darms, überschießend zu reagieren. Eine Vielfalt von Symptomen, wie Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfälle, Verstopfung oder wechselnde Stuhlgänge, können in unterschiedlicher Kombination und Ausprägung vorliegen. Typischerweise findet man keine organische Krankheit, die die Symptome ausreichend erklärt. Zugrunde liegt häufig eine erniedrigte Schwelle, bei der die Symptom ausgelöst werden. Die Behandlung zielt auf eine Besserung der Symptome. Eine ursächliche Behandlung steht nicht zur Verfügung.
→ Zur Therapie siehe hier.
Beschwerden
Die Beschwerden umfassen vor allem Bauchschmerzen, die oft mit dem Gefühl eines geblähten Bauchs einhergehen, sowie Stuhlgangsunregelmäßigkeiten, wobei phasenweise Durchfälle (Diarrhö) überwiegen können, phasenweise auch Verstopfung (Obstipation), oft auch Durchfälle und Verstopfung im Wechsel. Besonders die Durchfälle mit oft plötzlichem Stuhldrang belasten stark. Sie können in einzelnen Fällen die Symptomatik so ausgeprägt beherrschen, dass sich die Betroffenen aus dem Sozialleben zurückziehen und in eine depressive Stimmungslage geraten.
Einteilung nach Symptomatik
Die Rom-IV-Kriterien 1 teilen das Reizdarmsyndrom in vier Untergruppen ein:
- IBS-D (Durchfall): >25 % des Stuhls sind flüssig, ohne feste Bestandteile, <25 % sind feste Bestandteile,
- IBS-C (Verstopfung): >25 % des Stuhls bestehen aus einzelnen festen Klumpen, <25 % sind flüssig, ohne feste Bestandteile,
- IBS-M (gemischt): >25 % des Stuhls sind flüssig, ohne feste Bestandteile, und >25 % sind separate feste Klumpen,
- IBS-U (nicht klassifiziert): nicht eindeutig zuzuordnen.
Auslöser
Es gibt Hinweise auf eine genetische Veranlagung zum Reizdarmsyndrom. Die erste Manifestation kommt meist aber durch einen Auslöser zustande, wie beispielsweise eine infektiöse Durchfallserkrankung oder eine medikamentöse Therapie, beispielsweise eine Antibiotikabehandlung. Eine Undichtigkeit der Darmschleimhaut soll in vielen Fällen bei der Entstehung eine Rolle spielen. Einige Zusammenhänge:
- Blähungen (Meteorismus) führen zur Dehnung des Dickdarms, die schmerzhaft empfunden wird. Untersuchungen haben ergeben, dass Patienten mit einem Reizdarmsyndrom mit stärkeren Schmerzen auf Dehnung reagieren als Menschen ohne diese Veranlagung.
- Offenbar können psychologische Faktoren wie Stress die Symptome beeinflussen; im Urlaub können die Stuhlgangsunregelmäßigkeiten zur Ruhe kommen.
- Wer als Reizdarm-Betroffener eine infektiöse Durchfallkrankheit (infektiöse Enteritis) durchmacht, hat ein erhöhtes Risiko, wieder in eine Phase verstärkter Reizdarmsymptomatik zu geraten.
- Bei Frauen wird eine Verschlechterung der Beschwerden oft vor der Regelblutung beobachtet.
Sicherung der Diagnose
Die Diagnose eines Reizdarmsyndroms ist im Wesentlichen eine Ausschlussdiagnose. Es müssen alle wichtigen organischen Krankheiten unwahrscheinlich gemacht werden. Zudem sollte berücksichtigt werden, wie lange die Beschwerden bereits bestehen. Wenn sie mal mehr, mal weniger ausgeprägt sind (fluktuieren) und sich insgesamt über ½ Jahr zurückverfolgen lassen, dann kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit von diesem Syndrom ausgehen.
Nach den alten ROME-Kriterien werden folgende Bedingungen gefordert:
- Veränderung der Stuhlfrequenz (zu selten oder zu häufig),
- Veränderung der Stuhlkonsistenz (zu fest oder breiig/flüssig),
- Erleichterung nach Defäkation (Stuhlentleerung).
Die ROME-III-Kriterien beinhalten folgende Feststellungen:
- abdominelle Beschwerden an mindestens 3 Tagen im Monat während der letzten 3 Monate mit Beginn insgesamt vor mehr als 6 Monaten.
plus mindestens zwei der folgenden Kriterien
- Besserung durch / nach Stuhlgang,
- Beginn in zeitlichem Zusammenhang mit Änderung der Stuhlfrequenz (häufiger / weniger häufig),
- Beginn in zeitlichem Zusammenhang mit Veränderung der Stuhlkonsistenz (breiiger / fester).
Ausschlussdiagnostik
Zu den Untersuchungen zum Ausschluss bekannter somatischer oder funktioneller Erkrankungen gehören:
- Untersuchungen auf infektiöse oder tumoröse Ursachen (wie z. B. ein Karzinoid).
- Untersuchungen auf Milchzuckerunverträglichkeit, Fruktoseintoleranz, Sprue und ggf. auch auf Nahrungsmittelallergie,
- Stuhl auf Elastase und Lipase-Aktivität im Blut zur Erkennung einer Bauchspeicheldrüsenkrankheit (Pankreatitis, Pankreasinsuffizienz),
- Leberwerte zur Erkennung einer Erkrankung der Leber oder der Gallenwege,
- Übersichtsparameter im Blut wie Blutsenkungsgeschwindigkeit und CRP, um festzustellen, ob nach ernsthafteren Ursachen weiter gesucht werden muss,
- Untersuchung des Magens und des Dickdarms zum Ausschluss dort gelegener Ursachen der Beschwerden (z. B. Gastritis, Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn,
- Ultraschall des Bauchraums um organische Veränderungen zu erkennen, ggf. auch CT oder (bei jungen Menschen zur Strahlenvermeidung) besser MRT des Bauchraums.
Behandlung
Eine ursächliche Therapie gibt es nicht. Von Ärzten, Heilpraktikern und betroffenen Patienten werden viele verschiedene Maßnahmen zur Linderung der Reizdarm-Beschwerden vorgeschlagen. Allen Berichte zeigen, dass es keine Therapie zu geben scheint, die allen Betroffenen gleichermaßen hilft. Einige Ratschläge, die individuell helfen können, seien hier angeführt:
Diät: Betroffene mit Reizdarm sollten ihre Ernährung sehr genau registrieren: gibt es Nahrungsbestandteile, die in besonderer Weise Blähungen, Durchfälle und Darmkrämpfe hervorrufen? Unter Umständen lohnt eine Testphase, in der für wenige Tage eine allergenfreie Kost (z. B. wässriger Kartoffelbrei) zu sich genommen wird, worauf dann eine Phase weniger Tage mit Zusatz verschiedener anderer Nahrungsmittel erfolgt – ganz analog zur Nahrungsmittelallergie, bei der ebensolche Tests empfohlen werden können.
FODMAP-arme Kost: FODMAPs (Akronym für Fermentable Oligo-, Di-, Monosaccharides And Polyols) enthalten wenig von Einfachzuckern und kurzkettigen Zuckern sowie von mehrwertigen Alkoholen. Denn diese Bestandteile gelangen zu großem Teil in den Dickdarm und werden dort bakteriell unter Darmgasbildung abgebaut. So sollen vor allem fruktose- und laktosehaltige Nahrung (viele Früchte, Milchprodukte) sowie Zuckerersatzstoffe, wie Sorbitol soweit möglich gemieden werden. Welche Nahrungsmittel „erlaubt“ sind, lässt sich im Internet finden; es hat sich eine Sparte der Nahrungsmittelindustrie des Problems angenommen.
Krampflösende Mittel (Spasmolytika): Sie üben häufig einen kurzfristigen Effekt aus, der allerdings nicht sehr ausgeprägt ist.
Pfefferminzöl (verkapselt erhältlich) beruhigt den Darm und vermindert den Schmerz durch Blähungen etwas.
Linaclotid: Dieses neue Medikament (in den USA als Linzess® und in Europa als Constella® zugelassen) wirkt sich günstig auf die Symptome des Reizdarmsyndroms aus, bei dem eine Verstopfung (Obstipation) vorherrscht: es fördert die Darmmotilität und lindert die Bauchschmerzen.
Loperamid: Dieses Medikament hemmt die Darmperistaltik und kann in Phasen helfen, in denen durchfälliger Stuhl vorherrscht. Es gehört bei geplanten Reisen oft zur Notfallmedikation.
Probiotika: Es gibt Studienergebnisse, nach denen Probiotika die Reizdarmsymptomatik lindern. Allerdings scheinen nicht alle Probiotika in gleicher Weise zu wirken. Aber es ist offenbar nicht verkehrt, einen langdauernden Versuch mit Joghurt mit lebenden Kulturen zu starten und den Erfolg zu beobachten. Kurzzeitige Verbesserungen sind wohl nicht erwartbar.
Antibiotika: Bei Patienten mit Reizdarmsyndrom, die einen positiven Laktulose-H2-Atemtest haben, wirkt häufig das Antibiotikum Rifaximin. In einer Studie wird berichtet, dass nach einer 2-wöchigen Behandlung die Hauptsymptome Völlegefühl, Blähungen, Durchfall und Schmerzen für etwa 3 Monate sistierten!
Akupunktur: Ein potenzieller Effekt ist laut einer Studie nicht auszuschließen; eine große Metaanalyse zeigt jedoch keinen eindeutigen Effekt.
Psychotherapie bzw. psychosomatische Therapie: Es gibt eine Reihe psychotherapeutischer Behandlungskonzepte. Zu ihnen gehören Psychoedukation, Selbsthilfe, kognitive Verhaltenstherapie, psychodynamische Psychotherapie, Hypnotherapie, achtsamkeitsbasierte Therapie und Entspannungstherapie. Sie können individuell helfen, mit den Beschwerden zurechtzukommen 2.
Was noch von Interesse ist
Weiteres
- Gastroenterology. 2016 Feb 18:S0016-5085(16)00222-5. doi: 10.1053/j.gastro.2016.02.031[↩]
- Front Psychiatry. 2020 Apr 30;11:286. doi: 10.3389/fpsyt.2020.00286[↩]