Trommelschlegelfinger

Trommelschlegelfinger und Uhrglasnägel
Trommelschlegelfinger und Uhrglasnägel

Definition

Trommelschlegelfinger (auch: Trommelschlägelfinger) sind kolbenförmige aufgetriebene Fingerendglieder mit rundlichen Fingernägeln (Uhrglasnägel, watch-glass nails) auf dem Boden eines vermehrten Knochenanbaus (hypertrophe Osteoarthropathie, HOA). Sie werden im Englischen als drumstick fingers, finger clubbing, clubbed fingers oder digital clubbing bezeichnet. Die Erstbeschreibung der aufgetriebenen Fingerendglieder erfolgte durch Hippokrates vor 2500 Jahren. Die Anomalie wird daher gelegentlich als „Hippokratische Finger“ (Digiti hippocratici) bezeichnet. Wenn Trommelschlegelfinger ohne erkennbare Ursache auftreten, werden sie als idiopathisch bezeichnet. Sie treten aber oft im Rahmen innerer Erkrankungen auf, so beispielsweise bei Lungen- oder Herzkrankheiten.

Entstehung

Nach derzeitigem Erkenntnisstand setzen sich Aggregate von Blutplättchen (Thrombozyten) und ihren Stammzellen (Megakaryozyten) in den kleinsten Gefäßen der Finger und Zehen fest (die normalerweise in den kleinsten Lungengefäßen zurückgehalten werden) und entlassen lokal Mediatorstoffe, die den Knochen verändern. Die ersten Veränderungen treten im subchondralen Knochen auf und führen zum Abbau des Knorpels. Es werden der Thrombozyten-Wachstumsfaktor (PDGF) und der vaskuläre endotheliale Wachstumsfaktor (VEGF) mitverantwortlich gemacht 1. Sie stehen im Zusammenhang mit einer vermehrten Bildung von Prostaglandin E2 (PGE2) durch Osteoblasten im subchondralen Knochengewebe. Diese Kenntnis hat zum Konzept einer therapeutischen COX-2-Hemmung geführt, um den überschießenden Prozess der Knochenbildung zu stoppen 2 3.

Eine weitere Rolle bei der Entstehung spielt vermutlich der Hypoxie-induzierbare Faktor-1α (HIF‐1α), der zumindest teilweise zur Produktion von VEGF beiträgt. HIF-1α ist ein Transkriptionsfaktor für das VEGF-Gen, der durch Sauerstoffminderversorgung angeregt wird. Er wird auch bei einigen Lungentumoren vermehrt gebildet 4.

Ein Rechts-Links-Shunt im Herzen oder pulmonale arteriovenöse Anastomosen, durch den venöses Blut direkt auf die arterielle Seite des großen Kreislaufs gelangt, können Ursache eines Clubbing sein. In diesen Fällen werden die auslösenden Faktoren in der Peripherie der Finger vermehrt gebildet und wirksam. Kongenitale zyanotische Herzkrankheiten gehen daher relativ häufig mit Trommelschlegelfingern und Uhrglasnägeln einher. 5 (())

Entzündungen an Klappen des linken Herzens (Aortenklappenendokarditis, Mitralklappenendokarditis) können Ursprung von kleinsten Thrombozytenagglomeraten sein und damit ein „Clubbing“ auslösen. 6 7

→ Thrombozyten
→ Der Knochen
→ Prostaglandine

Diagnostik

Der Aspekt einer hypertrophe Osteoarthropathie ist durch die Auftreibung der Fingerendglieder mit den Uhrglasnägeln typisch und lässt in erster Line an einer Herz- und Lungenkrankheit denken. Die Diagnostik beinhaltet daher eine zunächst nicht invasive Untersuchungen bezüglich einer Lungenkrankheit und einer pulmonalen Hypertonie mit Auswirkungen auf das rechte Herz (z. B. Lungenemphysem, Lungentumor) sowie bezüglich eines zyanotischen Herzfehlers.

Trommelschlegelfinger und Uhrglasnägel
Trommelschlegelfinger und Uhrglasnägel

Trommelschlegelfinger gehören in den meisten Fällen zu einer sekundären hypertrophen Osteoarthropathie (HOA), die in der Folge einer anderen Krankheit entstehen. Es ist dabei vor allem auch an einen Lungentumor zu denken. Eine HOA als Paraneoplasie bei einem Bronchialkarzinom ist durch eine Periostose der Röhrenknochen und gelegentlich schmerzhafte Gelenkschwellungen der großen Gelenke, vor allem der Beine, gekennzeichnet 8 9.

Primäre hypertrophe Osteoarthopathie

Wenn Trommelschlegelfinger auch ohne eine Lungenkrankheit auftritt, handelt es sich i.d.R. um eine genetisch bedingte „primäre hypertrophe Osteoarthropathie“ (PHO) oder Pachydermoperiostosis bezeichnet. 10 Häufig stehen Gelenkbeschwerden im Vordergrund.

Die genetische Anomalie betrifft den Prostaglandin-Stoffwechsel: Es finden sich pathogene Varianten in den HPGD- und SLCO2A1-Genen. Das HPGD-Gen codiert für die Hydroxy-Prostaglandin-Dehydrogenase, das SLCO2A1-Gen für das Prostaglandin-Transporterprotein, das für den Prostaglandin-Transport durch die Plasmamembran verantwortlich ist.

Klinisch charakteristisch ist die Trias aus Periostose, Pachydermie und Trommelschlägelfingern, oft inkl. einer Cutis verticis gyrata. Bei Neugeborenen wurde bei 25 % der Fälle ein verzögerter Verschluss der Schädelnähte und Fontanellen sowie ein Fortbestehen des Ductus arteriosus Botalli beobachtet. In einer Zusammenstellung von 68 betroffenen Familien wurde bei 54,4 % von ihnen eine dominante, bei den übrigen Familien eine rezessive Vererbung festgestellt.

Behandlung: COX-Hemmer stellen eine Behandlungsoption dar, denn die Cyclooxygenase-2 (COX-2) ist das Schlüsselenzym bei der Prostaglandinbildung. Die Behandlung führt zu wirksamen Ergebnissen, allerdings auch zu Nebenwirkungen, die ihren Einsatz einschränken. 11 12 Bei etwa 70 % der Patienten besserten sich vor allem die Gelenkschmerzen 13. Eine Fallpräsentation zeigte auf: „Der Patient wurde 6 Monate lang … mit Etoricoxib behandelt … Die Symptome besserten sich, und eine erneute Röntgenaufnahme zeigte eine teilweise Besserung der Weichteilverdickung und der Periostose.“ 14 Unter COX-Hemmern können geklagte Knochen- und Gelenkschmerzen rasch verschwinden 15.

Sekundäre hypertrophe Osteoarthopathie

Assoziationen zu Erkrankungen

In etwa der Hälfte der Fälle sind Trommelschlegelfinger assoziiert mit

  • einer Lungenkrankheit, z. B. BronchiektasenLungenemphysemMukoviszidose (zystische Fibrose), Bronchialkarzinom, Pleuramesotheliom, intrathorakales Hodgkin-Lymphom 16.
  • einer Herzkrankheit, z. B. zyanotische Herzfehler (angeborene Herzvitien mit Rechts-links-Shunt, Eisenmenger Syndrom), pulmonale Hypertonie. 17
  • einer chronisch entzündlichen Darmkrankheit (IBD): Trommelschlegelfinger gelten auch als extraintestinale Manifestationen einer IBD 18 19.
  • Leberkrankheiten: Alkohol wurde in Indien bei Männern als häufigste Ursache festgestellt. 20
  • einer Autoimmunkrankheit: Trommelschlegelfinger treten in seltenen Fällen auch bei einigen Autoimmunkrankheiten, wie dem Morbus Crohn, der Colitis ulcerosa, der Coeliakie (Sprue) oder der PBC auf.
  • einer Tumorkrankheit (Paraneoplasie): Trommelschlegelfinger sind einigen Fällen Zeichen einer Paraneoplasie (Begleitsymptomatik von Tumoren, z. B. eines Bronchialkarzinoms 21) auftritt. Die Fingerendglieder können schmerzhaft sein. Therapeutische Erfolge werden mit Bisphosphonaten, z. B. Pamidronat oder Zolendronsäure erzielt. 22
  • Einseitige Fingerauftreibungen bei Halbseitenlähmung, z. B. infolge zerebraler Blutung. 23
  • Bevacicumab kann Clubbing auslösen. Dies wird als Komplikation einer Antitumortherapie, bei der das gegen Gefäßaussprossungen gerichtete Medikament zusammen mit einer Chemotherapie verabreicht wird, gelegentlich beobachtet. (Beispiel Darmkrebs 24 )

In der anderen Hälfte kann eine Ursache nicht gefunden werden.

Therapie der sekundären Form

Das eigentliche Ziel einer Therapie ist die zugrunde liegende Erkrankung 25. Wenn „Digital Clubbing“ im Rahmen eines Tumors auftritt, kann eine Rückbildung durch eine Chemotherapie erreicht werden, wie dies für Lymphomkrankheiten beschrieben wurde 16. Auch eine Resektion eines Lungentumors kann zur Rückbildung führen (()).

In einer Literaturrecherche wurde festgestellt, dass Bisphosphonate in einem Teil der Fälle einer primären oder sekundären hypertrophen Osteoarthropathie wirksam waren 26.


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Verweise

Weiteres

Literatur zum Thema: 27 28 29 30 31


Letzte Aktualisierung von Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (Arzt):
Medizinisch geprüft von

Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (Arzt)

Letzte medizinische Prüfung:

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Von Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (Arzt)

Studium in Freiburg und Wien, biochemische Forschung in Bochum über Glykoproteine. Klinische Ausbildung und Forschung über Gallensäuretransport und Cholestase an der Universitätsklinik Freiburg. Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie, Habilitation. Chefarzt in Berlin und Frankfurt (Oder).