Ein Vitamin-B1-Mangel (Thiaminmangel) führt zu Nerven- und Muskelschäden. Er tritt ein, wenn die tägliche Aufnahme über einige Zeit deutlich unter 1 mg/Tag liegt. Der körpereigene Vorrat an Vitamin B1 reicht etwa 2 – 3 Wochen lang. Ein Mangel an Thiamin ist ein großes Problem in Entwicklungsländern, so in Afrika und Südostasien, in denen Hunger vorherrscht. In westlichen Ländern ist Alkoholabusus einer der Hauptursachen.
Ursachen
Ein Thiaminmangel kann folgende Ursachen haben:
- einseitige oder mangelhafte Ernährung, besonders in Ländern der dritten Welt 1,
- eine Dünndarmkrankheit, Dünndarmkrankheiten, bei denen die Resorption von Thiamin eingeschränkt ist, wie die Sprue, der seltene Morbus Whipple oder ein Kurzdarmsyndrom,
- Alkoholabusus,
- Chemotherapie mit 5-FU (5-Fluorouracil) 2
- Eine Hyperemesis gravidarum (hartnäckiges Schwangerschaftserbrechen) kann in seltenen Fällen zu einem Vitamin-B1-Mangel führen. 3
- Bariatrische Chirurgie: Eine bakterielle Überwucherung des Dünndarms nach einer gastrischen Bypassoperation zur Gewichtsreduktion wurde für einen Thiaminmangel verantwortlich gemacht. 4 Nach Operationen zur Gewichtsreduktion ist eine Enzephalopathie durch Thiaminmangel (Wernicke-Enzephalopathie) eine seltene, aber beachtenswerte Komplikation. 5
- Thiaminmangel in Zusatznahrung (Beispiel: Fall einer speziellen Kindernahrung in Israel 2003 6) oder bei parenteraler Ernährung ohne ausreichenden Vitaminzusatz. 7
→ Vitamin B1 (Vorkommen, Wirkung, Bedarf)
→ Hungersnot
Klinisches Bild
Der Thiaminmangel führt zu einem bunten klinischen Bild. Klinische Symptome zeigen eine potenziell lebensbedrohliche Situation an. Die Hauptsymptome eines Thiaminmangels betreffen:
- das Nervensystem mit Polyneuropathie, Ataxie, Apathie, Gedächtnisstörungen, Verwirrtheit (Wernicke-Enzephalopathie) und Korsakow-Psychose, 8
- muskuläre Schwäche
– am Herzen (Herzinsuffizienz mit Ödemen und Lungenstauung) und
– an der Skelettmuskulatur (Myopathie, Schwäche der Wadenmuskulatur als Frühzeichen) und an der Augenmuskulatur (mit der Folge von Doppelbildern, zuerst erkennbar beim Seitwärtssehen, dabei oft Nystagmus). - eine Neigung zur Laktatazidose.
Das klinische Vollbild des Thiaminmangels ist die Beriberi-Krankeit.
Diagnostik
Symptomatik: Das klinische Bild (siehe oben) im Zusammenhang mit der Anamnese führt meist schon auf den Verdacht eines Thiaminmangels. Das typische Bild einer Wernicke-Enzephalopathie umfasst eine Ataxie, sakkadierte Sprache, Doppelbilder (seitwärts sehen lassen) und eine Verwirrtheit.
MRT des Gehirns: Die zerebrale Schädigung bei ausgeprägtem Vitamin-B1-Mangel kann im MRT erkannt werden: Man findet Veränderungen am dorsomedialen Nucleus des Thalamus, der periaquäduktalen grauen Substanz und an den Corpora mamillaria. 9
Substitution
Vorbeugend werden bei Patienten mit einem Risiko für einen B1-Mangel meistens 100 mg Thiamin verabreicht.
Bei Mangelerscheinungen wird Thiamin (meistens zusammen mit anderen B-Vitaminen) im akuten Stadium intravenös oder intramuskulär, später oral substituiert, bei einer enteralen Resorptionsstörung immer parenteral. Bei einem akuten Wernicke-Korsakow-Syndrom werden Dosen um oder über 200 mg/Tag verwendet. Eine Hypervitaminose (Überversorgung) ist nicht bekannt.
In „Low-income“-Ländern ist eine flächendeckende Thiamin-Substituierung durch staatliche Programme ein wichtiger Beitrag zur allgemeinen Gesundheit. 10
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Verweise
Weiteres
- Nutr Health. 2019 Jun;25(2):127-151. DOI: 10.1177/0260106019830847.[↩]
- J Korean Med Sci. 2009 Aug;24(4):747-50[↩]
- J Neurol Sci. 2009 Sep 15;284(1-2):214-6[↩]
- Nutr Res. 2008 May;28(5):293-8[↩]
- Am J Gastroenterol. 2008 Jun;103(6):1575-7[↩]
- Pediatrics. 2005 Feb;115(2):e233-8[↩]
- Pediatrics. 1998 Jan;101(1):E10[↩]
- Lancet Neurol. 2007 May;6(5):442-55 [↩]
- AJR Am J Roentgenol. 2009 Feb;192(2):501-8 [↩]
- Ann N Y Acad Sci. 2021 Aug;1498(1):29-45. DOI: 10.1111/nyas.14565[↩]