Diabetes insipidus

Gehirn (Schema)

Diabetes insipidus (DI) bedeutet Wasserharnruhr, andauernde Harnflut, abnormer Flüssigkeitsverlust über die Nieren. Er ist durch eine stark erhöhte Urinproduktion (Polyurie bis über 20 Liter pro Tag) und entsprechend erhöhten Durst (Polydipsie) gekennzeichnet. Ursache ist eine verminderte Bildung von Adiuretin. Die meisten Fälle sind erworben; nur etwa 10 % sind genetisch bedingt 1.

Polyurie
Polydipsie

Neuere Nomenklatur

Die Bezeichnungen Diabetes insipidus und Diabetes mellitus können miteinander verwechelt werden, wenn die Zuckerkrankheit nur mit Diabetes bezeichnet wird. Um solch eine Verwechslung zu vermeiden, wurde der „zentrale Diabetes insipidus“ 2022 in „Arginin-Vasopressin (AVP)-Mangel“ geändert und der „nephrogene Diabetes insipidus“ in „AVP-Resistenz“ 2.

Formen, Entstehung, klinisches Bild

Es werden zwei Formen unterschieden:

  • die zentrale Form (Diabetes insipidus neurohormonalis, heute „AVP-Mangel“), bei der ein Mangel an Adiuretin zugrunde liegt,
  • die renale (nephrogene) Form (Diabetes insipidus renalis, heute „AVP-Resistenz“), bei der die Nieren nicht auf Adiuretin ansprechen.

Die klinischen Manifestationen der Erkrankung hängen vom Ausmaß der Dehydrierung (des Wasserverlustes) und Hyperosmolalität (Bluteindickung) ab. Bei der Erstdiagnose ist es wichtig, die Symptome des Patienten zu erfassen, einen Wasserentzugstest (keine Reduktion des Urinvolumens) und eine Bestimmung des Copeptins (beim zentralen DI erniedrigt, bei der nephrogenen DI erhöht) im Blut als Ausgangswert zu bestimmen (s. u.).

Zentral bedingter Diabetes insipidus

Der zentral bedingte Diabetes insipidus („AVP-Mangel“) ist assoziiert mit einer verminderten Bildung und Ausschüttung von Adiuretin (antidiuretisches Hormon, identisch mit Vasopressin). Dieses wird im Hypothalamus gebildet, zum Hypophysenhinterlappen transportiert, dort gespeichert und bei Bedarf ausgeschüttet. Eine Störung der Bildung, Unterbrechung zwischen Bildungsort und Speicherort und eine Funktionsstörung der hinteren Hypophyse führen zur Erkrankung. Sie wird in die Subtypen  idiopathisch, sekundär und familiär eingeteilt. 3

  • Idiopathische Form: Als Ursache wird eine Infundibulo-Neurohypophysitis (Entzündung der Neurohypophyse) diskutiert. 4
  • Sekundäre Form: Tumore des Zentralnervensystems, wie das Kraniopharyngeom und Keimzelltumoren sind die häufigsten Ursachen. Auch eine eosinophile Granulomatose, die wiederum durch verschiedene Medikamente ausgelöst werden kann, wurde als Ursache beschrieben 5. Ein hämorrhragischer Schock mit Blutungsherden im Gehirn kann ebenfalls zu einem Ausfall der Adiuretinbildung führen 6.
  • Familiäre Form: Sie wird meist autosomal-dominant vererbt. 7 Mehr als 80 betroffene Genloci sind bereits bekannt.

Diese zentrale Form des DI kommt durch einen Mangel an Adiuretin (ADH, identisch mit Vasopressin) zustande. Ursachen sind:

  • ein krankhafter zentralnervöser Prozess im Bereich des Hypothalamus (Degeneration von Neuronen im Nucleus supraopticus und den Nuclei paraventriculares),
  • ein krankhafter Prozess der Hypophyse sein, beispielsweise ein Trauma (Schädelbasisbruch) oder ein Tumor,
  • eine autoimmunologische Erkrankung der Hypophyse in Betracht („autoimmune Hypophysitis“).

Beim zentralen DI ist die ADH-Konzentration im Blut ist deutlich erniedrigt. Die Nieren haben ihre Fähigkeit zur Harnkonzentrierung erhalten, ihnen fehlt jedoch der hormonelle Befehl aus der Hypophyse.

Die Behandlung der Symptomatik erfolgt durch Desmopressin (Minirin®), einem Vasopressin-Analogon mit geringerer Wirkung auf den Blutdruck und verlängerter Wirkungszeit.

Soziale und emotionale Konsequenzen

Beim zentralen Diabetes insipidus kann wegen der Nachbarschaftsbeziehungen nicht nur ein Mangel an Adiuretin sondern auch an Oxytocin vorliegen und damit die sozialen Empfindungen und Beziehungen leiden. Es wird von verstärkten Angstgefühlen und beeinträchtigter Emotionserkennung berichtet. Diese Auswirkungen im Rahmen eines zentralen Diabetes insipidus bedürfen weiterer Untersuchungen bezüglich Empathie, Stressreaktivität, Amygdala-Aktivität und weiteren psychologischen Messgrößen 8.

Nephrogener Diabetes insipidus

Der nephrogene DI („AVP-Resistenz“) kann genetisch bedingt oder erworben sein. Grundlage ist ein Defekt in der Erkennung und Umsetzung der von Adiuretin ausgehenden Signale in der Niere, angefangen von einem Defekt am Adiuretin/Vasopressin-Rezeptor der Niere.

  • Erworbener nephrogener Diabetes insipidus: Diese Form ist die häufigste. Die nephrogene Form des DI ist durch eine Resistenz der Nieren gegenüber Adiuretin gekennzeichnet. Die ADH-Konzentration im Blut ist dabei deutlich erhöht. Ursachen können sein
    • eine Litium-Intoxikation: sie wird selten als Therapie-Nebenwirkung bei der Behandlung einer Depression gefunden. 9
    • Hyperkalzämie: sie kann beispielsweise bei einer Sarkoidose oder einer ossären Metastasierung auftreten (siehe hier).
    • eine Nierenerkrankung: beispielsweise können eine Amyloidose und eine polyzystische Nierenkrankheit zu einem Diabetes insipidus führen.
  • Genetisch determinierter nephrogener Diabetes insipidus: In etwa 2/3 der Fälle liegt den genetischen Formen des nephrogenen Diabetes insipidus (NDI) ein Vasopressinrezeptordefekt (X-chromosomal gebunden) und ein Aquaporindefekt (autosomal rezessiv und dominant) zugrunde. 10 11 Es wurden mehr als 280 Mutationen beschrieben, die das AVP2-Protein oder den AVP-V2-Rezeptor sowie das Aquaporin 2 (AQP2) betreffen (()). Die Symptomatik besteht bereits bei der Geburt; die Kinder sind zu 90 % männlich. Eine Ursache liegt in einer Mutation des Gens für den Arginin-Vasopressin-Receptor-2 (AVPR2); die Vererbung ist X-chromosomal rezessiv. 12 13

Komplikationen

Die unablässige Diurese führt ohne adäquate Flüssigkeitszufuhr rasch zur Austrocknung (Exsikkose). Bei lang dauerndem DI kann sich eine Ausdehnung der Blase (Megablase) und des Nierenbeckens (Pyelonektasie oder nicht-obstruktive Hydronephrose) entwickeln. 14

Differenzialdiagnosen

  • Es sollte eine psychogene Polydipsie ausgeschlossen werden.
  • Eine chronische Nierenerkrankung mit schwerer Funktionsstörung der Nierentubuli (z. B. bei einer schweren Pyelonephritis, Lithium-Intoxikation, Phenacetin-Niere oder Nephrokalzinose) kann zu einem dem Diabetes insipidus ähnlichen Bild führen; es wird auch als erworbener Diabetes insipidus bezeichnet (s. o.).

Diagnostik

Der Urin beim DI ist wasserhell, das Volumen überschreitet 2 l/m2 Körperoberfläche pro 24 h und erreicht bei Erwachsenen bis über 20 Liter pro Tag. Im Blut ist die Konzentration der Elektrolyte erhöht (hypertone Dehydratation); es besteht eine Hypernatriämie, oft auch eine Polyglobulie durch Eindickung.

Der Vasopressinspiegel ist bei der zentralen Form erniedrigt, bei der renalen erhöht.

Durstversuch

Der Durstversuch kann zur Differenzierung eines zentralen von einem renalen DI dienen:

  • Im Durstversuch reagieren beide Formen nicht mit einer Steigerung der Urinosmolalität, was die Diagnose eines Diabetes insipidus stützt.
  • Eine Zufuhr von ADH (oder Lysyl-Vasopressin, Minirin-Test) führt
    • bei der zentralen Form zum Ansprechen mit einer Steigerung der Urinosmolalität und Reduktion der Urinproduktion,
    • bei der renalen Form bleibt die Urinproduktion unverändert hoch.

Der Test mit hypertonischer Kochsalzlösung in Kombination mit einer Bestimmung von Copeptin im Plasma erwies sich als am genauesten. Copeptin ist das C-terminale Peptid von Pro-Vasopressin. Es wird zusammen mit ADH aus dem Hypophysenhinterlappen sezerniert und kann laborchemisch gemessen werden. 15 16

Copeptin

Die Unterscheidung zwischen zentralem Diabetes insipidus und primärer Polydipsie ist oft schwierig. Ein Copeptin-Spiegel von über 4,9 pmol/l nach Infusion von hypertonischer Kochsalzlösung spricht für eine habituelle Polidipsie und gegen einen zentralen Adiuretinmangel. Der Test soll genauer sein als ein Durstversuch. 16

Bildgebende Verfahren

Zur Diagnostik von Veränderungen beim zentralen Diabetes insipidus dient am besten das MRT, bei dem traumatische oder tumoröse Veränderungen, aber bei Kindern auch eine Hyperintensität im Bereich des Hypophysenhinterlappens diagnostiziert werden kann 1.

Therapie

Flüssigkeitsersatz: Für beide Formen des Diabetes insipidus gilt in erster Linie eine Vermeidung der drohenden Exsikkose durch genügende Flüssigkeitszufuhr unter Berücksichtigung der Elektrolyte des Bluts. Sie sollte gleichmäßig über den Tag erfolgen, unter klinischen Bedingungen am besten bilanziert elektrolytfrei über eine Magensonde und in schwer zu behandelnden Fällen unter ZVD-Kontrolle. Die Ernährung sollte salzarm sein.

Beim zentralen Diabetes insipidus bewirkt Minirin (Desmopressin, z. B. als Nasenspray) recht zuverlässig eine Reduktion des Urinvolumens. Es kann eine Oxytocin-Substitution sinnvoll sein (s. o.) 8 17.

Eine Behandlung des nephrogenen DI ist problematisch. Ein Ansatz wird in dem löslichen (Pro)reninrezeptor (PRR) gesehen. 11 PRR wird in der Niere gebildet, angeregt durch Prostaglandin E2 (PGE2); es beeinflusst die Primärharnkonzentrierung über die Regulation von Aquaphorin. Mäuse ohne PRR-Bildung haben ein erhöhtes Harnvolumen. 10

Beim renalen Diabetes insipidus können die Kombination von Indometacin und Hydrochlorothiazid zu einer Verbesserung führen 18 9. Die Kost sollte salzarm und eiweißarm sein.


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Ergänzende Informationen

Weiteres

Literatur: 19 20


Letzte Aktualisierung von Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (Arzt):
  1. Horm Res Paediatr. 2012;77(2):69-84[][]
  2. Nat Rev Endocrinol. 2024 Aug;20(8):487-500. doi: 10.1038/s41574-024-00985-x. Epub 2024 May 1. Erratum in: Nat Rev Endocrinol. 2024 Aug;20(8):501. doi: 10.1038/s41574-024-00998-6[]
  3. Nagoya J Med Sci. 2016 Dec;78(4):349-358. doi: 10.18999/nagjms.78.4.349.[]
  4. Clin Exp Immunol 2009; 155: 403–411[]
  5. Intern Med. 2026 Jan 1;65(1):149-155. doi: 10.2169/internalmedicine.5558-25[]
  6. Am J Surg. 2017 Oct;214(4):589-595. doi: 10.1016/j.amjsurg.2017.06.015[]
  7. Ann Endocrinol (Paris). 2012 Apr;73(2):117-27[]
  8. BMJ Open. 2026 May 4;16(5):e109940. doi: 10.1136/bmjopen-2025-109940[][]
  9. Intern Med. 2024 May 15;63(10):1399-1404. doi: 10.2169/internalmedicine.2437-23[][]
  10. J Am Soc Nephrol. 2016 Oct;27(10):3022-3034.[][]
  11. Am J Physiol Renal Physiol. 2018 Nov 1;315(5):F1416-F1421. doi: 10.1152/ajprenal.00266.2018.[][]
  12. Adv Chronic Kidney Dis. 2006 Apr;13(2):96-104[]
  13. Best Pract Res Clin Endocrinol Metab. 2016 Mar;30(2):263-76. doi: 10.1016/j.beem.2016.02.010.[]
  14. J Urol. 1988 Apr;139(4):784-5[]
  15. J Clin Endocrinol Metab. (2022) 107:1727–38. doi: 10.1210/clinem/dgac070[]
  16. J Endocrinol Invest. 2020 Jan;43(1):21-30. doi: 10.1007/s40618-019-01087-6[][]
  17. J Neuroendocrinol. 2023 Jan;35(1):e13233. doi: 10.1111/jne.13233[]
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  20. J Pediatr Endocrinol Metab. 2022 Feb 11;35(4):421-434. doi: 10.1515/jpem-2021-0566[]
Medizinisch geprüft von

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Letzte medizinische Prüfung:

Von Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (Arzt)

Studium in Freiburg und Wien, biochemische Forschung in Bochum über Glykoproteine. Klinische Ausbildung und Forschung über Gallensäuretransport und Cholestase an der Universitätsklinik Freiburg. Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie, Habilitation. Chefarzt in Berlin und Frankfurt (Oder).