Ursachen und Entstehung einer akuten Pankreatitis

Pankreas Schema
Mittelbauch mit Pankreas im Zentrum (Schema)

Ursachen und Entstehung einer akuten Pankreatitis beinhalten verschiedene Pathomechanismen. Der wichtigste Mechanismus ist eine frühzeitige Aktivierung der Pankreasenzyme noch vor Erreichen des Zwölffingerdarms. Sie verursacht eine Zerstörung der Zellen der Bauchspeicheldrüse und eine Freisetzung von Entzündungsmediatoren. Auslöser sind in den meisten Fällen Gallensteine (biliäre Genese) und Alkoholgenuss. Es sind jedoch eine Reihe weiterer Ursachen zu berücksichtigen.

Biliäre Pankreatitis

Eine Cholelithiasis mit (passagerem) Papillenverschluss ist die zweithäufigste Ursache. Die Auslösung der Entzündung erfolgt durch Rückstau von Galle- und/oder Pankreassekret, möglicherweise auch durch einen Eintritt von Duodenalsekret bei klaffender Papille nach Steindurchtritt. Eine idiopathische Pankreatitis (Entzündung unbekannter Ursache) ist wahrscheinlich häufig auch durch Gallenkonkremente ausgelöst, wie eine Studie nahelegt, die solche Patienten durch Endosonographie untersucht hat. 1 Mit dieser Methode sind oft selbst so kleine Partikel (Mikrolithe) noch nachweisbar, die anderen Nachweismethoden entgehen.

Biliäre Pankreatitis

Alkoholtoxische Pankreatitis

Alkohol ist die häufigste Ursache einer Pankreatitis. Sie beginnt oft akut und kommt besonders häufig bei Komasaufen (binge drinking) vor. Pathogenetisch bedeutsam sind eine direkte toxische Schädigung und eine Eindickung des Pankreassekrets. Offenbar steigert eine Alkoholexposition die Empfindlichkeit gegen toxische Schädigungen, beispielsweise durch Endotoxine (Lipopolysaccharide). 2 3 Eine akute alkoholbedingte Pankreatitis geht häufig in eine chronische Form über, die immer wieder akut exazerbieren (aufflammen) kann.

Chronische alkoholtoxische Pankreatitis

Pankreatitis bei Stoffwechselstörungen

Verschiedene Stoffwechselstörungen sind mit einer Pankreatitis assoziiert: Chylomikronämie, Hyperkalzämie (z. B. bei Hyperparathyreoidismus), Urämie, diabetisches Koma, Mukoviszidose (zystische Fibrose)

Pankreatitis bei Fettstoffwechselstörung

Eine Fettstoffwechselstörung mit stark erhöhten Triglyceridwerten (wie beim Zieve-Syndrom oder der angeborenen Typ-1-Hypertriglyceridämie) ist ein Risikofaktor für eine akute Pankreatitis. Die Behandlung betrifft sowohl die Pankreatitis selbst als auch den Auslöser, die Blutfette (siehe hier).

Infektiös ausgelöste Pankreatitis

Bakterien und Viren (z. B. Mumps, Hepatitis, Scharlach, Typhus) können eine akute Pankreatitis auslösen.

Medikamentös ausgelöste Pankreatitis

In Frage kommen beispielsweise Glukokortikoide, Diuretika oder Azathioprin. Im Prinzip muss jedes Medikament in Betracht gezogen werden, wenn eine aktuelle Pankreatitis nicht den beiden Hauptursachen, Alkohol und Gallensteinen, zuzuschreiben ist. Mehr dazu siehe hier.

Pankreatitis bei Pankreas divisum

Eine Bauchspeicheldrüsenentzündung kann auftreten bei Pankreas divisum (mit Abflussstörung über eine häufig zu enge Papilla minor).

Pankreatitis nach Trauma oder Operation

Jede mechanische Alteration der Bauchspeicheldrüse mit Gewebsquetschungen kann zu einer vorzeitigen Enzymaktivierung und zu Selbstverdauungsprozessen mit Entzündungspotenzial führen.

Post-ERCP-Pankreatitis

Bei der Post-ERCP-Pankreatitis (Definition: Schmerzen mit einer Dauer von über 24 Stunden, ausgelöst durch die Untersuchung + Enzymerhöhung) spielt der Kontrastmitteltyp (ionisch – nichtionisch) keine Rolle (bei beiden in ca 10 % Pankreatitis). Eine Rolle spielt das Ausmaß der Papillenmanipulation.

Post-ERCP-Pankreatitis

Medikamentös bedingte Pankreatitis

Medikamente können bei dafür empfänglichen Personen eine Bauchspeicheldrüsenentzündung auslösen. Beschrieben ist das z. B. für ACE-Hemmer, Statine, orale Kontrazeptiva, Thiazide, DPP4-Hemmer (Antidiabetika) oder HIV-Medikamente. 4 Für 45 Medikamente wurde der höchste Evidenzgrad festgestellt 5.

Bei einzelnen der Medikamente konnte der Mechanismus der Zellschädigung aufgeklärt werden. So wurde für Methimazol wahrscheinlich gemacht, dass über oxidativen Stress eine Autophagie in den Pankreaszellen ausgelöst wird 6.

Drogen

Drogen müssen als mögliche Ursachen in die Überlegungen einbezogen werden. Heroin beispielsweise kann eine akute Pankreatitis auslösen 7.

Chronisch hereditäre Pankreatitis (CHP)

Ein kleiner Teil der Pankreatitiden entsteht auf erblicher (hereditärer) Grundlage (autosomal dominante Vererbung mit einer Penetranz von 80 %). Sie kann akut schubartig beginnen. Zugrunde liegt eine Mutation des kationischen Trypsinogen-Gens, die eine gestörte Trypsininaktivierung bewirkt. Häufigkeit: ca. 1 % aller Pankreatitiden. Das Krankheitsbild entspricht dem der CAP.

Hereditäre Pankreatitis

Autoimmunpankreatitis (AIP)

Die Autoimmunpankreatitis kann akut beginnen, verläuft jedoch untherapiert chronisch

 Autoimmunpankreatitis

Pankreatitis als IgG4-Erkrankung

IgG4-Erkrankungen sind selten und äußern sich verschiedenartig. Eine chronische Pankreatitis ist eine Erscheinungsform.

 IgG4-assoziierte Pankreatitis

Entstehung

Die akute Pankreatitis kann durch verschiedene Noxen in Gang gesetzt werden. Die häufigsten Auslöser sind ein Aufstau des Pankreassekrets durch eine Abflussstörung (meist ein Gallenstein im Ausführgang) und ein zu zähes Pankreassekret (Hauptmechanismus bei einer Alkoholintoxikation). In beiden Fällen kommt es zu einem Verhalt der produzierten Pankreasenzyme, die vorzeitig im Pankreasgewebe aktiv werden. Durch Selbstverdauung werden Mediatorstoffe freigesetzt, die einen Entzündungsprozess in Gang setzten. Auch andere Ursachen (s. o.) führen zu einer Entzündung und Selbstverdauung durch vorzeitig aktivierte Enzyme

Zunächst entwickelt sich eine ödematöse Schwellung des Organs und des umgebenden retroperitonealen Gewebes mit z.T. erheblicher Flüssigkeits- und Proteinausschwitzung. Dadurch kann eine Hypovolämie und Hypoproteinämie entstehen. Der Plasmaverlust kann zum Schock führen, insbesondere da durch Bradykinin die Gefäße weit gestellt werden, was auch zu einer leichten Wangenrötung führt. Die Kinine sind zudem für den typischen abdominellen Schmerz verantwortlich. Klinisch findet man eine meist gummiartig wirkende Abwehrspannung („Gummibauch“).

Wenn sich Nekrosen bilden, kann es zu einer Einblutung oder einer Infektion kommen. Die akut nekrotisierende Pankreatitis ist daher ein intensivpflichtiges Krankheitsbild.

Mediatorstoffe und ihre Wirkung

Dazu gehören proinflammatorische Zytokine (TNF-alpha, IL-1 und IL-6). Sie bewirken eine zunächst ödematöse, später nekrotisierende Entzündung des Pankreas. Von Bedeutung für die Zellnekrosen ist die Aktivität der Phospholipase A, welche aus Lecithin (in Zellmembranen und in der Galle vorhanden) das hoch toxische Lysolecithin freisetzt. Kallikreinogen wird zu Kallikrein aktiviert, welches selbst wieder gefäßaktive Mediatoren freisetzt (z. B. Bradykinin, Kallidin), die zu einer Gefäßerweiterung mit Blutdruckabfall führen.

Das pankreatische regeneratorische Protein (REG1) stimuliert die Regeneration von Pankreasgewebe. Es fördert die Zellteilung duktaler Zellen und von Betazellen. Möglicherweise spielt reg I eine Rolle bei der Ausheilung pankreatischer Schäden inklusive einer akuten Pankreatitis. 8 Serum REG1A kann als Serummarker für die Diagnose und Prognose einer Pankreatitis dienen 9.

Pankreatitisschmerz

Die bei der akuten Pankreatitis auftretenden Bauchschmerzen werden durch Interleukin-6 (IL6) getriggert. Bei einer experimentellen Pankreatitis in der Ratte steigt der Spiegel an IL6 in den Ganglien der dorsalen Wurzeln 6 Tage nach der Auslösung durch Dibutyltindichlorid (DBTC) deutlich an. Dies ist durch den IL-6-Receptor-Antagonisten TB-2-081 unterdrückbar, was eine neue Perspektive für die Behandlung der Pankreatitis-Schmerzen eröffnet 10.

Eine neurogene Entzündung kann bei der Schmerzwahrnehmung im Rahmen einer Pankreatitis eine Rolle spielen. Es wird ein Crosstalks zwischen dem entzündeten Pankreasgewebe und aktivierten Neuronen im Gehirn angenommen. Die Erforschung der Rolle von Neuropeptiden, Ionenkanälen und dem Endocannabinoidsystem bei akuten Pankreatitisschmerzen kann, so wird angenommen, zu neuen Behandlungen führen 11.


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Verweise

Weiteres

 

  1. Gastrointest Endosc 2000; 51: 28-32[]
  2. Am J Physiol Gastrointest Liver Physiol. 2006 Feb;290(2):G232-41[]
  3. Drugs. 2022 Aug;82(12):1251-1276. DOI: 10.1007/s40265-022-01766-4[]
  4. Ochsner J. 2015 Spring;15(1):45-51 PMCID: PMC4365846 []
  5. PLoS One. 2020 Apr 17;15(4):e0231883. DOI: 10.1371/journal.pone.0231883[]
  6. Adv Pharm Bull. 2023 Jan;13(1):196-201. DOI: 10.34172/apb.2023.042[]
  7. Cureus. 2021 Jun 5;13(6):e15470. doi: 10.7759/cureus.15470[]
  8. World J Gastroenterol. 2006 Jul 28;12(28):4511-6[]
  9. BMC Gastroenterol. 2025 Nov 29;26(1):3. doi: 10.1186/s12876-025-04477-8.[]
  10. Pain. 2010 Nov;151(2):257-265. DOI: 10.1016/j.pain.2010.05.022[]
  11. Front Mol Neurosci. 2023 Dec 22;16:1331438. doi: 10.3389/fnmol.2023.1331438[]