Die funktionelle Dyspepsie ist eine Störung des oberen Magendarmtrakts ohne morphologisches Korrelat. Sie gehört zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt und führt vielfach zu unnötigen, aufwändigen und invasiven Untersuchungen. 1 2 3
Entstehung
Die funktionelle Dyspepsie wird multifaktoriell verursacht. Ein wesentlicher Aspekt betrifft die Motilität des oberen Magendarmkanals. Die Muskulatur in der Wand des Magendarmtrakts wird durch ein Netzwerk von Nerven reguliert. Der Mageneingang wird bei ankommender Nahrung geöffnet. Er bleibt aber sonst geschlossen, damit sich der Mageninhalt nicht nach oben entleert (Reflux). Die Muskulatur in der Magenwand durchwalkt den Speisebrei. Der Schließmuskel am Magenausgang öffnet immer nur kurz und lässt kleine flüssige Portionen zum Zwölffingerdarm durch (siehe hier). Bei Störungen der Koordination dieser Bewegungen kommen dyspeptische Beschwerden zustande.
Es werden verschiedene Typen unterschieden:
- den Schmerztyp,
- den Völletyp,
- ein gemischter Typ.
In einer Studie fanden sich in der Gruppe mit vorherrschenden Schmerzen mehr Patienten mit Helicobacter-pylori-Infektionen, in der Gruppe mit vorherrschendem Völlegefühl mehr Patienten mit Magenentleerungsverzögerungen und begleitendem Reizdarmsyndrom.
Eine neuere Nomenklatur bezeichnet die Typen folgendermaßen 1:
- postprandiales Distress-Syndrom (PDS),
- epigastrisches Schmerzsyndrom (EPS) und
- ein Subtyp mit überlappenden PDS- und EPS-Merkmalen.
Ursachen
An der Entstehung der funktionellen Störungen können verschiedene Ursachen beteiligt sein. Zu ihnen gehören:
- Genetische Veränderungen im CCK / Rezeptor-System: Ein Polymorphismus im Cholecystokinin-A-Rezeptor-Gen (CCK-AR) führen zu motorischen oder sensorischen Störungen im Magen-Darm-Trakt, was dazu führt, dass das Sättigungssignal moduliert und die Magenentleerung verzögert wird. 4
- Enterale Neuropathie (beispielsweise bei der diabetischen Gastropathie oder bei einer neurodegenerativen Krankheit, wie dem Morbus Parkinson).
- Bakterielle Fehlbesiedlung des Magens und/oder des Dünndarms: Diagnostik mit H2-Atemtest 5.
Bedeutung des Darmmikrobioms
Bei Menschen mit funktioneller Dyspepsie findet sich ähnlich wie bei Gluten-assoziierten Erkrankungen (vgl. hier) und der Fibromyalgie Änderungen des Darmmikrobioms in der Art, dass bestimmte Eiweiße, wie Gluten unzureichend verdaut werden. Bestimmte Enzyme (Aminopeptidase, Prolin-Iminopeptidase und Xaa-Pro-Dipeptidase) weisen eine veränderte Aktivität auf. Es wird daher gemutmaßt, dass eine Therapie mit glutenabbauenden Enzymen oder maßgeschneiderten Probiotika den Krankheitsverlauf verbessern könnte 6.
→ Das Mikrobiom des Darms
Symptomatik

Das Spektrum der Missempfindungen nach Nahrungsaufnahme ist breit. Die Unterscheidung, ob die Symptome funktionell oder organisch bedingt sind, kann schwierig sein und zu einer ausgedehnten Diagnostik veranlassen. 1 7
Einteilung der Beschwerden:- Ulkusartige Beschwerden: gut lokalisierbare, oft periodisch auftretende Beschwerden im Oberbauch, meist abhängig von der Nahrungsaufnahme (Besserung oder Verschlechterung).
- Beschwerden durch Motilitätsstörungen des Magens oder Dünndarms: schlecht lokalisierbare, oft erst einige Zeit nach Nahrungsaufnahme auftretende Beschwerden, frühes Sättigungsgefühl, Völlegefühl, Gefühl eines geschwollenen oder geblähten Oberbauchs, Übelkeit. Es können auch Magenkrämpfe auftreten (siehe hier).
- Refluxartige Beschwerden: Aufstoßen und Oberbauchbeschwerden zusammen mit retrosternalen Beschwerden (siehe hier).
- Unspezifische dyspeptische Beschwerden: nicht in die vorigen Kategorien einzuordnen.
Es finden sich meistens unspezifische Beschwerden, wie Übelkeit (Nausea), Völlegefühl und epigastrische Schmerzen. Sie sind häufig verbunden mit den Symptomen des Reizdarmsyndroms wie vermehrter schmerzhafter Meteorismus und durchfällige Stühle oder Verstopfung (Obstipation).
Diagnostik
Die Diagnostik umfasst folgende Schritte:
- Anamnese: Abhängigkeit der Beschwerden von der Nahrungsaufnahme, von der Körperlage, von der Tageszeit, von einer Medikamenteneinnahme, von Stress? Bisherige Erfahrung mit Medikamenten, mit Wärme, mit bestimmten Nahrungsmitteln? Nahrungsmittelallergie?
- Körperlicher Untersuchungsbefund: Schmerzauslösung bei Palpation? Resistenz? Zeichen einer Leberzirrhose oder einer Herzinsuffizienz? Darmgeräusche? Gefäßgeräusche?
- Laborwerte: Entzündungsparameter, Elektrolyte, Leberwerte, Lipase als Pankreaswert, Nierenwerte, Blutzucker, HbA1c etc.
- Funktionelle Diagnostik: H2-Atemtests (Laktose, Laktulose, Glukose)
- Untersuchungen auf Nahrungsmittelallergie (RAST, PRICK)
- Gastroskopie: Klärung einer eventueller Refluxösophagitis, einer klaffenden Cardia, von galligem Reflux, einer Gastritis, eines Ulkusleidens, einer Magenausgangsstenose, eines klaffenden Pylorus, einer Duodenitis
- Oberbauchsonographie: Suche nach Auffälligkeiten von Leber, Gallenwegen, Pankreas, Magen und Darmwand, Gefäßen und Lymphknoten
Erweiterte Diagnostik: Die Diagnostik kann in Einzelfällen weitergeführt werden und auch aufwendige Untersuchungen umfassen. Beispiele:
- Computertomographie zur Organbeurteilung im Abdomen,
- hepatobiliäre Sequenzszintigraphie zur Klärung einer eventuellen funktionellen Störung der Gallenentleerung oder
- MRCP, ERCP, Endosonographie, Papillenbiopsie und hepatobiliäre Sequenzszintigraphie zur Klärung eventueller Veränderungen an den Gallengängen, wie einer Sphincter-Oddi-Dysfunktion oder Papillensklerose.
Differenzialdiagnosen
Dyspeptische Beschwerden können denen eines Magengeschwürs, aber auch denen einer Gastritis, von Blähungen oder einem Reflux von Mageninhalt in die Speiseröhre (siehe hier) ähneln, also sehr vielfältig sein. Die meisten Differenzialdiagnosen betreffen die Ursachen von Beschwerden im Oberbauch.
Eine Magenlähmung (Gastroparese), wie sie bei einer Zuckerkrankheit auftreten kann (siehe hier), ist eine organische Erkrankung, die abzugrenzen ist und eine spezielle Behandlung erfordert. 8
Folgende Ursachen sind abzuklären:
- Erkrankungen des oberen Gastrointestinaltrakts: Gastritis, Ulkuskrankheit, Refluxkrankheit, Tumore, Malabsorptionskrankheiten (z. B. Sprue, Laktoseintoleranz), Durchblutungsstörungen des Darms
- Medikamentennebenwirkungen: Aspirin, nichtsteroidale Antiphlogistika, Glukokortikoide, Digitalispräparate, Antibiotika u. v. a.
- Toxische Substanzen: u. a. Alkohol
- Erkrankungen des Pankreas: akute Pankreatitis, Pankreaskarzinom
- Erkrankungen der Leber und der Gallenwege: Gallensteinleiden, Papillitis stenosans, Hepatitis, Leberzirrhose, portale Hypertension
- Extraintestinale Krankheiten: Diabetes mellitus, Niereninsuffizienz, Schilddrüsenerkrankungen, endokrin aktive Tumore
- Schwangerschaft
- mechanische Hindernisse im Abdomen
- funktionell: funktionelle Dyspepsie im Rahmen des Syndroms des irritablen Darms (irritable bowel syndrom, Reizdarm)
Therapie
Medikamente als Ursache einer Dyspepsie sollten identifiziert und weggelassen / umgesetzt werden.
Die Behandlung der funktionellen Dyspepsie beruht auf mehreren Ansätzen. 2 9
Medikamentöse Therapieansätzte:
- Prokinetika (Metoclopramid, Domperidon) können in vielen Fällen bereits zu einer deutlichen Verbesserung führen. Wenn eine Hypersekretion sauren Magensafts vorliegt, nutzen zusätzlich Protonenpumpenblocker. Prokinetika werden hauptsächlich zur Behandlung postprandialer Beschwerden eingesetzt. Die Wirksamkeit der Präparategruppen ist etwas unterschiedlich: 59 % bis 81 % Responderrate für Dopaminrezeptorantagonisten, 32 % bis 91 % für Serotonin-4-Rezeptoragonisten und 31 % bis 80 % für Muskarinrezeptorantagonisten. 9
- Zur Bindung von Gallebestandteilen, die durch galligen Reflux aus dem Zwölffingerdarm in den Magen gelangen und dort eine chronische Gastritis fördern, kann ein Antazidum zwischen den Mahlzeiten dienen.
- In Fällen eines ausgeprägten galligen Refluxes sind diese Maßnahmen manchmal unzureichend; dann sollte eine biochemische Umstimmung der Galle durch 3 x 250 mg Ursodesoxycholat für einige Wochen versucht werden. 10
- Wenn eine dichte Helicobacter-Besiedlung der Magenschleimhaut festgestellt wird, ist in fast jedem Fall eine Eradikation sinnvoll, alleine schon um Komplikationen und Folgeerkrankungen vorzubeugen. Sie ist bezüglich der Symptomatik in 24 % – 82 % der Fälle erfolgreich.
- Pfefferminzöl linderte in einer Zusammenstellung die Symptome bei 66 % bis 91 %, Iberogast bei 20 % bis 95 % 9
Komplementäre Behandlungen:
Akupunktur, kognitive Verhaltenstherapie und Hypnotherapie können gegen die Symptome wirksam sein. 11 12 Die Punkte ST36 und CV12 wurden als zentrale Kombination für eine Akupunkturpunktur bei der Behandlung einer funktionellen Dyspepsie gefunden 13.
Diätberatung:
Anpassung der Ernährung, wenn eine Gallenblasendyskinesie zugrunde liegen kann (z. B. bei Nachweis von Gallenblasensludge): Ausgewogene Ernährung (Fett stimuliert eine CCK-Produktion und fördert damit die Gallenblasenkontraktion). 14
Es sollte bei der Ernährung eine allmähliche Näherung an eine optimal verträgliche Kost gefunden werden. Das ist besonders bei einer Nahrungsmittelunverträglichkeit eine Herausforderung (siehe hier). Kleine verteilte Mahlzeiten sind günstiger als große Mahlzeiten. Alkohol und Rauchen sollten vermieden werden. Wenn Medikamente eingenommen werden, sollte der behandelnde Arzt ihre Verträglichkeit beurteilen. 15
Psychosomatik: Eine übertriebene Selbstbeobachtung kann die Symptomatik verstärken, sodass ihr entgegengewirkt werden sollte, ggf. auch durch eine psychosomatische Therapie.
→ facebook: Neues und Interessantes!
→ Labor-App Blutwerte PRO – mit Lexikonfunktion
Ergänzende Informationen
Weiteres
- Nat Rev Dis Primers. 2017 Nov 3;3:17081. doi: 10.1038/nrdp.2017.81.[↩][↩][↩]
- Dtsch Arztebl Int. 2018 Mar 30;115(13):222-232. doi: 10.3238/arztebl.2018.0222.[↩][↩]
- N Engl J Med. 2026 Jan 8;394(2):166-176. doi: 10.1056/NEJMcp2501860. Erratum in: N Engl J Med. 2026 Feb 5;394(6):624. doi: 10.1056/NEJMx260003[↩]
- Eur J Gastroenterol Hepatol. 2016 Feb;28(2):226-32. doi: 10.1097/MEG.0000000000000511[↩]
- Am J Gastroenterol. 2021 May 1;116(5):935-942. doi: 10.14309/ajg.0000000000001197[↩]
- Gut Microbes. 2025 Dec;17(1):2500063. doi: 10.1080/19490976.2025.2500063[↩]
- J Clin Gastroenterol. 2012 Mar;46(3):175-90. doi: 10.1097/MCG.0b013e318241b335[↩]
- J Neurogastroenterol Motil. 2018 Dec 3. doi: 10.5056/jnm18162.[↩]
- Aliment Pharmacol Ther. 2019 May;49(9):1134-1172. doi: 10.1111/apt.15191[↩][↩][↩]
- J Clin Med. 2022 Jun 2;11(11):3190. doi: 10.3390/jcm11113190.[↩]
- Complement Ther Med. 2024 Jun;82:103051. doi: 10.1016/j.ctim.2024.103051[↩]
- Digestion. 2024;105(1):26-33. doi: 10.1159/000532082[↩]
- Front Med (Lausanne). 2026 Mar 10;13:1728742. doi: 10.3389/fmed.2026.1728742[↩]
- Eur J Clin Nutr. 2013 Nov;67(11):1182-7. doi: 10.1038/ejcn.2013.168.[↩]
- Med Arch. 2015 Apr;69(2):133-4. doi: 10.5455/medarh.2015.69.133-134. Epub 2015 Apr 6. PMID: 26005267; PMCID: PMC4430015.[↩]