Essenzielle Thrombozythämie

Blutzellen Schema
Differenzialblutbild (Schema)

Allgemeines


Die essenzielle Thrombozythämie (ET) ist eine Erkrankung des Knochenmarks. Sie gehört zu den myeloproliferativen Erkrankungen. Bei einer essenziellen Thrombozythämie werden die Blutplättchen (Thrombozyten) im Blut unkontrolliert nachproduziert. Die Thrombozytenzahl im Blut übersteigt 450 x 10ˆ9/l.

Wenn auch die beiden anderen Stammzellreihen des Knochenmarks, die Bildung der Erythrozyten und der Leukozyten, von der unregulierten Überproduktion betroffen sind, gehört die essenzielle Thrombozythämie in das Bild der Polyzythämie.

Die erhebliche Vermehrung der Blutplättchen bedingt eine Erhöhung des Risikos einer venösen als auch einer arteriellen Thrombose.

Paradoxerweise kann eine starke Thrombozytose mit einer erhöhten Blutungsneigung einhergehen. Patienten mit akutem Koronarsyndrom haben gehäuft eine Thrombozythämie. In der Schwangerschaft besteht ein erhöhtes Risiko für eine Fehlgeburt.

Zur Reduzierung des Thrombose- und Embolierisikos werden meist Aspirin und bei hohem Komplikationsrisiko Hydroxyurea verwendet.

Thrombozyten
Myeloproliferative Erkrankungen
Polyzythämie

Definition

Die essentielle Thrombozytose ist laut WHO definiert durch eine Thrombozytenzahl von mehr als 450 × 10³/µl bei Vorliegen von Mutationen in den Genen JAK2, Calreticulin (CALR) oder Myeloproliferative Leukemia Virus Oncogene (MPL) und ohne klonale oder reaktive Ursache. 1

Entstehung

Die essenzielle Thrombozythämie beruht auf einer Hyperplasie der Megakaryozyten im Knochenmark. Ursächlich spielt eine Mutation der Tyrosinkinase JAK2 (JAK2-Mutation-V617F) eine entscheidende Rolle. 2 Sie beeinflusst die Bildung derjenigen Zytokine, die die Blutbildung regulieren, so auch die von Thrombopoetin, das die Bildung der Blutplättchen anregt.

Es wurden verschiedene Gene gefunden, die mit einer ET assoziiert sind. Am häufigsten werden Mutationen von AK2V617F und Calreticulin (CALR) gefunden. 3 4 5

Die Krankheit wird überwiegend durch eine De-novo-Mutation verursacht, aber in bis zu 10 % der Fälle ist eine Familienanamnese eruierbar. 6

Diagnostik

Bei einer Thromozytenvermehrung, die nicht auf eine Reaktion auf eine Entzündung zurückgeführt werden kann, kann eine essenzielle Thrombozythämie infrage kommen. Geklärt wird dies durch eine Knochenmarkspunktion und dem Nachweis einer Vermehrung der Megakaryozyten (von denen die Thrombozyten abstammen), sowie durch eine genetische Untersuchung auf Mutationen (JAK2, Calreticulin (CALR) oder „Myeloproliferative Leukemia Virus Oncogene“ (MPL) ).

Etwa 90 % der Personen mit essenzieller Thrombozythämie weisen laut einer Literaturzusammenstellung genetische Varianten auf, die den JAK-STAT-Signalweg hochregulieren, darunter Janus-Kinase 2 (JAK2, 64 %), Calreticulin (CALR, 23 %) und das myeloproliferative Leukämievirus-Onkogen (MPL, 4 %). 7

Klinik und Verlauf

Bei milder Erhöhung der Thrombozytenzahl können klinische Symptome und Komplikationen fehlen. Die Lebenserwartung kann entsprechend normal sein 8.

Das klinische Bild können jedoch auch thrombohämorrhagische Ereignisse und eine Milzvergrößerung bestimmen.

Paradoxe Blutungsneigung

Etwa 25 % der Patienten mit essenzieller Thrombozythämie (ET) weisen eine extreme Thrombozytose (ExT) auf von ≥1.000.000 / Mikroliter und gleichzeitig ein „erworbenes von-Willebrand-Syndrom“ auf 9. Es wird angenommen, dass es bei solch hohen Werten zu einer verstärkten Proteolyse des hochmolekularen von-Willebrand-Faktors (VWF) und damit zu einem qualitativen Defekt des VWF (von-Willebrandt-Faktor) kommt 10.

Prognose

Die mediane Überlebensrate beträgt etwa 20 Jahre, für jüngere Patienten um 33 Jahre. Der JAK2/CALR-Mutationsstatus hat keinen Einfluss auf die Überlebensrate bei ET. Zu den Risikofaktoren zählen fortgeschrittenes Alter, Leukozytose und Thrombose. Die Leukämie-Transformationsraten nach 20 Jahren werden auf 5 % geschätzt. Eine extreme Thrombozytose kann mit einem erworbenen von-Willebrand-Syndrom (AvWS) und damit einem Blutungsrisiko assoziiert sein. 11

Risiko für Koronarpatienten

Patienten unter 40 Jahren mit einem akuten Koronarsyndrom haben gehäuft eine essenzielle Thrombozythämie (ET). Eine ET kann daher für Koronarpatienten einen Risikofaktor für einen Herzinfarkt darstellen 12.

ET und Schwangerschaft

Patientinnen mit ET haben ein erhöhtes Risiko für Komplikationen bei Fötus und Mutter, so auch eine spontane Fehlgeburt im ersten Trimester. Komplikationen bei der Mutter sind relativ selten und bestehen im Wesentlichen aus thromboembolischen Ereignissen und Blutungen.

Eine Publikation berichtet folgende Ergebnisse von 43 Schwangerschaften mit ET:  22 (51 %) Schwangerschaften waren erfolgreich; 21 (49 %) endeten mit Fehlgeburten oder Abbrüchen. Die Behandlung der ET zum Zeitpunkt der Empfängnis umfasste entweder keine spezifische Therapie (16 Fälle) oder die alleinige Gabe von Aspirin (24 Fälle), eines zytoreduktiven Mittels (2 Fälle) oder Heparin (1 Fall). Im Allgemeinen verliefen die letzten beiden Trimester in erfolgreichen Fällen meist ohne Komplikationen. In allen Fällen kamen gesunde Kinder auf die Welt. 13

Eine Behandlung der ET während der Schwangerschaft wird individuell je nach Ausprägung erfolgen. Hydroxyurea ist kontraindiziert. Niedrig dosiertes Aspirin (ASS) ist von der Behandlung der Präeklampsie her als verträglich und wirksam bekannt 14.

Therapie

Bei erhöhtem Risiko für Komplikationen durch die Thrombozytose wird meistens eine Zytoreduktion durch Hydroxyharnstoff (Hydroxyurea, z. B. Litalir) angestrebt. Sie senkte in einer Untersuchung das Risiko für arterielle oder venöse thrombotische Ereignisse signifikant (3,6 % vs. 24 % ohne Zytoreduktion). 7

Bei einem durch extreme Thrombozytenzahlen erhöhte Blutungsneigung (erworbenes  von-Willebrand-Syndrom) kann eine Zytoreduktion ebenfalls sinnvoll sein 15.

Zu weiteren Maßnahmen bei einer Thrombozytose siehe hier.

Verweise

Weiteres

  1. Blood Cancer J. 2025 Mar 4;15(1):31. doi: 10.1038/s41408-025-01235-7[]
  2. Semin Thromb Hemost. 2006 Jun;32(4 Pt 2):381-98[]
  3. Haematologica. 2015 Jul;100(7):893-7. doi: 10.3324/haematol.2014.118299.[]
  4. Zhongguo Shi Yan Xue Ye Xue Za Zhi. 2018 Jun;26(3):866-870. doi: 10.7534/j.issn.1009-2137.2018.03.039.[]
  5. Clin Transl Oncol. 2017 Jul;19(7):874-883. DOI: 10.1007/s12094-017-1618-1[]
  6. Cureus. 2022 Mar 16;14(3):e23220. DOI: 10.7759/cureus.23220[]
  7. JAMA. 2025 Feb 25;333(8):701-714. doi: 10.1001/jama.2024.25349[][]
  8. Mayo Clin Proc. 1994 Jul;69(7):651-5. doi: 10.1016/s0025-6196(12)61342-1[]
  9. Blood Adv. 2024 Dec 10;8(23):6043-6054. doi: 10.1182/bloodadvances.2024013777[]
  10. Eur J Intern Med. 2017 Jun;41:49-54. doi: 10.1016/j.ejim.2016.11.011.[]
  11. Am J Hematol. 2015 Feb;90(2):162-73. doi: 10.1002/ajh.23895. Erratum in: Am J Hematol. 2015 Sep;90(9):849. doi: 10.1002/ajh.24115[]
  12. Cureus. 2022 Dec 17;14(12):e32638. doi: 10.7759/cureus.32638[]
  13. Eur J Haematol. 2001 Mar;66(3):152-9. doi: 10.1034/j.1600-0609.2001.00367.x.[]
  14. N Engl J Med. 2017 Aug 17;377(7):613-622. doi: 10.1056/NEJMoa1704559[]
  15. Cancers (Basel). 2020 Jun 30;12(7):1746. doi: 10.3390/cancers12071746[]