Fibromyalgie

Gelenkschmerzen, Arthralgie
Gelenkschmerzen

Das Wichtigste


Kernpunkte

Fibromyalgie ist eine chronische Schmerzerkrankung, bei der diffuse Muskel‑ und Sehnenschmerzen, Druckempfindlichkeit und ausgeprägte Müdigkeit im Vordergrund stehen. Ursache ist eine Überempfindlichkeit bestimmter Hirnareale, die Schmerzen stärker wahrnehmen lässt; Stress spielt dabei eine zentrale Rolle. Häufig treten zusätzliche Beschwerden wie Schlafstörungen, Reizdarm, Migräne, Stimmungsschwankungen oder Angstgefühle auf. Die Diagnose wird gestellt, wenn andere Erkrankungen ausgeschlossen sind. Die Behandlung kombiniert Stressabbau, Physiotherapie, Bewegungstherapie und – je nach Fall – Medikamente wie Duloxetin oder Pregabalin. Auch ergänzende Verfahren wie Akupunktur oder niedrig dosiertes Naltrexon können Betroffenen helfen.

Die pharmakologische Therapie kann Symptome lindern, hat aber insgesamt nur moderate Effekte. Sie sollte immer in ein multimodales Behandlungskonzept eingebettet sein, das Bewegung, Edukation und psychosoziale Maßnahmen einschließt. 

Entstehung

Die Fibromyalgie (FM) wird als schmerzhafte rheumatische Erkrankung aufgefasst, bei der

  • eine Überempfindlichkeit in bestimmten Funktionsabschnitten des Zentralnervensystems mit erniedrigter Schmerzschwelle

als wesentlicher pathogenetischer Faktor angenommen wird.

Stress

Stress spielt eine auslösende Rolle. 1 Daher gehört das Krankheitsbild in die Nähe des Reizdarmsyndroms, der Reizblase oder auch des chronischen Müdigkeitssyndroms (chronic fatigue syndrome) und sensibler und psychischer Überempfindlichkeiten, die alle ebenfalls durch Stress ausgelöst oder verstärkt werden können. In einer Untersuchung war FM mit einem 1,54-fach erhöhten Risiko für das Reizdarmsyndrom verbunden. 2 Es wird angenommen, dass in vielen Fällen ein frühkindliches traumatisches Erlebnis an der Entwicklung der pathologischen Stressreaktion beteiligt ist. 3

Zentrale Überempfindlichkeit gegenüber Schmerz

Ursächlich für die erhöhte Schmerzempfindlichkiet soll ein dysfunktionales Transmittersystem im Gehirn mit Auswirkungen über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse auf die Stressantwort auf die Nebenniere sein: 4 die reaktive Cortisol-Produktion ist bei Fibromyalgie vermindert. 5 6

Substanz P

Substanz P (ein Oligopeptid von 11 Aminosäuren mit der Funktion eines Helfermoleküls bei unmittelbarer Abwehr-  Stress-, Reparatur- und Überlebensreaktionen) und der exzitatorische Neurotransmitter Glutamat vermitteln im Zentralnervensystem die Schmerzempfindung (Nociception). Andererseits vermitteln Serotonin und Noradrenalin eine Schmerzunterdrückung. Substanz P und Glutamat auf der einen Seite und Serotonin und Noradrenalin auf der anderen Seite stehen in einem funktionellen Gleichgewicht. Entsprechend der Hypothese einer zentralen Überempfindlichkeit gegenüber Schmerz ist es bei der Fibromyalgie verschoben. Man hat eine erhöhte Aktivität von Substanz P und Glutamat 7 8 sowie eine erniedrigte Aktivität von Serotonin und Noradrenalin 9 10 gefunden. Über die erhöhte Glutamat-Aktivität im Gehirn wird auch eine Verbindung zur Assoziation von Fibromyalgie und Migräne herstellbar. 8

Entzündung im Gehirn

Erhöhte neuroinflammatorische (entzündliche) Aktivität: Der erhöhten Schmerzempfindlichkeit liegt der FM neueren Erkenntnissen eine erhöhte neuroinflammatorische (entzündliche) Aktivität in bestimmten Windungen (Gyri) des Gehirns zugrunde. 11

Weitere Faktoren

Geringgradige Entzündungen und Stoffwechselstörungen bei Übergewicht verschlimmern die Symptome weiter. Einen negativen Einfluss haben auch Veränderungen im Darmmikrobiom. Sie tragen zur Dysregulation des Immunsystems bei und beeinflussen die Emotionen 12.

Symptomatik

Im Vordergrund der Beschwerden bei der Fibromyalgie sind diffuse Schmerzen an der Muskulatur und ihren Ansatzsehnen und an Bändern, so dass die Muskelansätze zu diagnostisch verwertbaren „Triggerpunkten“ zählen.

Begleitet wird die Schmerzbereitschaft von einer erhöhten inneren Spannung mit Stimmungsschwankungen, inklusive Angstgefühlen, Schlafstörungen und erhöhter Müdigkeit. Oft begleiten Darmstörungen im Sinne eines Reizdarmsyndroms und migräneartige Kopfschmerzen.

Die Assoziation mit Müdigkeit lässt auch an die Diagnose eines chronischen Müdigkeitssyndrom  (chronic fatigue syndrom) denken. Beide Diagnosen überlappen sich. 13

Bei Fibromyalgie-Patienten kommt es allmählich zu einem kognitiven Abbau, verbunden mit Angst und Depression.

Es können sich Störungen des Kiefergelenks, Zahnfehlstellungen und eine chronische Parodontitis entwickeln. Diese Symptome sind diagnostisch mit zu bewerten. 14

Diagnostik

Die Anamnese einer typischen Symptomatik leitet zur Diagnose, wenn andere rheumatologische und autoimmunologische Krankheiten nicht nachgewiesen werden können. Wegen der notwendigen Ausschlussdiagnostik wird oft die Bestimmung von Blutsenkungsgeschwindigkeit, Blutbild, Entzündungsparametern mit CRP und ggf. auch Procalcitonin, Rheumafaktor, Antistreptolysin-Titer, ANA und gegebenenfalls auch weiterer immunologischer Parameter durchgeführt.

Auch empfiehlt es sich, eine ausgiebige Tumordiagnostik durchzuführen, da viele der Symptome auch paraneoplastisch auftreten können.

Therapie

Basistherapie

Eine psychologische Betreuung bezüglich einer oft verminderten Stressbewältigung ist empfehlenswert. Physiotherapeutische Maßnahmen helfen zur Lockerung muskulärer Verspannungen und Fehlhaltungen.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie der Fibromyalgie ist vielfach enttäuschend. Eine gewisse Linderung wurde mit Serotonin-Norepinephrin-Wiederaufnahmehemmern, Pregabalin, und Tramadol erzielt. 15 16

Pregabalin lindert die Symptomatik der Fibromyalgie auch in vielen Patienten, bei denen andere Medikamente versagen. Eine Pause in der Medikation führt nach 2-4 Tagen zu einem Wiederanstieg der Schmerzstärke. 17 Es ist in Europa für die Behandlung der Fibromyalgie zugelassen. 18

Trizyklische Antidepressiva sind Erfolg versprechend, haben jedoch oft Nebenwirkungen. Die neueren Serotonin-Norepinephrin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin und Milnacipran haben weniger Auswirkungen auf andere Transmittersysteme und entsprechend weniger Nebenwirkungen. Sie verbessern nicht nur die Schmerzempfindung sondern auch andere Fibromyalgie-Symptome. 19 Sie verbessern nicht die Schlafprobleme. 20 21

Naltrexon ist ein Opiat-Antagonist, der die Mikroglia und Entzündungsvorgänge im Gehirn positiv beeinflusst. In niedriger Dosis (4,5 mg) ist es gut verträglich und verbessert die Symptomatik bei Fibromyalgie inklusive der Schlaflosigkeit. Eine erhöhte Blutsenkungsgeschwindigkeit ist mit besserem Ansprechen auf die Therapie assoziiert. 22 Untersuchungen mit höherer Dosis (50 mg) zeigten jedoch keinen eindeutigen Effekt. 23

Eine Scheinbehandlung bringt im Vergleich mit einer gepulsten elektromagnetischen Feldtherapie betroffener Stellen keine signifikante Verbesserung der Schmerzen (nach der visuellen Analogskala), jedoch eine deutlich und hochsignifikante Verbesserung gegenüber dem Ausgangsbefund (- 11,95 % und – 12,95 %). Ebenso war eine signifikante Verbesserung der Verspannungen und in dem „Fibromyalgia Impact Questionnaire“ (FIQ) festzustellen 24 Der Einfluss der Psyche scheint demnach eine besondere Rolle bei Entstehung und Aufrechterhaltung der Beschwerden zu haben, entsprechend groß ist der Placeboeffekt.

Medizinisches Cannabis scheint ersten Berichten zufolge sich günstig auf das Beschwerdebild auszuwirken. 25
Akupunktur vermag laut einer Cochrane-Übersicht möglicherweise bei einigen Patienten Beschwerden und Verspannungen zu bessern. 26

Transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS): Die häufig empfohlene Methode ist laut Metaanalysen nicht eindeutig wirksam. Es werden nur diskrete Hinweise auf eine Schmerzreduktion im Vergleich mit einer Scheintherapie festgestellt. 27 28

Körperliche Bewegung: Bewegungstherapie, z. B. in Form von Tanzen oder Nordic Walking, verbessert bei vielen Betroffenen die Symptomatik erheblich. Allerdings ist die Datenlage noch schwach. 29 Auch aerobische Bewegungsübungen werden als potenziell günstig bewertet. 30 Patienten, die trotz Schmerzen an Bewegungsübungen teilnahmen, berichteten laut einer Studie über weniger Angstzustände, Depressionen und sonstigen negativen Affekten und waren offener für weitere Anforderungen. Daher wird eine Motivation zur Teilnahme an solchen Bewegungsübungen oder Aktionen (Nordic Walking etc.) propagiert. 31

Verweise

Weiteres

Cave: Dosierungen von Medikamenten nicht ungeprüft übernehmen!

Literatur: 32 33 14 34

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