Das Wichtigste
| Gestörte Glukosetoleranz bedeutet, dass der Körper auf eine Erhöhung des Blutzuckers nach Zufuhr von Kohlenhydraten (Test: durch einen Glukosetrunk) nicht genügend mit einer Gegenregulation zur Blutzuckersenkung reagiert. Ursache ist eine Resistenz der peripheren Körperzellen gegen Insulin (Insulinresistenz). Der Blutzucker wird bei Nüchternheit noch ausreichend einreguliert, aber unter Belastungsbedingungen (Blutzuckerbelastungstest) steigen die Zuckerwerte im Blut über das „erlaubte“ Maß an.
Bei einer gestörten Glukosetoleranz erhöhen sich die Blutzuckerwerte nach Mahlzeiten, und es beginnen – meistens unerkannt – krankhafte Veränderungen im Körper. Diabetische Folgeschäden an Blutgefäßen und den wichtigen zentralen Organen des Körpers kommen erst viele Jahre später zur vollen Ausprägung. Weitere Entwicklung: Als Reaktion auf die periphere Insulinresistenz steigert die Bauchspeicheldrüse ihre Insulinproduktion bis an ihre Belastungsgrenze. Wenn diese schließlich schritten wird, entwickelt sich eine Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus). Ein frühzeitiger Blutzuckerbelastungstest kann oft schon viele Jahre vorher anzeigen, ob solch eine Entwicklung droht. Wer ist gefährdet? Es sind vor allem Menschen mit familiärer Diabetes-Belastung und mit Fettsucht. Wenn sie sich zudem dauerhaft ungesund mit hohem Zuckeranteil ernähren, kann eine gestörte Glukosetoleranz oft schon sehr früh nachweisbar werden. Folgen: Eine gestörte Glukosetoleranz bei noch normalem Nüchternblutzucker, also ohne Vorliegen einer manifesten Zuckerkrankheit, führt bereits zu ersten Veränderungen an Blutgefäßen, Augen, Nerven und Nieren im Sinne einer diabetischen Angiopathie, Retinopathie, Neuropathie und Nephropathie. Bereits jetzt beginnt auch eine Koronarsklerose und eine Arteriosklerose der Blutgefäße, die das Gehirn versorgen. Nachweis: Eine gestörte Glukosetoleranz wird durch einen oralen Glukosetoleranztest (oGTT) nachgewiesen, bei dem nach einem Zuckertrunk der 2-Stunden-Blutzuckerwert über einen festgelegten Grenzwert hinaus erhöht ist (Indikationen und Durchführung s. u.). Bedeutung eines frühzeitigen Nachweises: Die frühzeitige Erkennung einer gestörten Glukosetoleranz, d. h. einer unter Glukosezufuhr nicht ausreichenden Blutzuckerregulation, sollte Anlass sein, die Lebensführung grundsätzlich zu überdenken und ggf. entscheidend zu ändern. Ziel ist es, der Entwicklung hin zu einer manifesten Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) vorzubeugen. Dies geschieht am effektivsten durch Umstellung der Ernährung und des Lebensstils. → Glukosetoleranztest |
Definition
Eine gestörte Glukosetoleranz („impaired glucose tolerance“, IGT) liegt laut Leitlinien 1 vor, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind:
- der Nüchternblutzucker liegt unter 126 mg/dl plus
- der 2-Stundenwert des oralen Blutzuckerbelastungstests (oGTT) liegt zwischen 126 und 200 mg/dl (Messung im venösen Plasma oder im Kapillarblut). (Vergl. Definition des Diabetes mellitus)
Indikationen zur Prüfung auf eine gestörte Glukosetoleranz
Eine Untersuchung auf eine gestörte Glukosetoleranz durch den orale Glukosetoleranztest (oGTT) ist indiziert bei Patienten mit Nüchternblutzuckerwerten unter 126 mg/dl und folgenden Bedingungen:
- familiäre Belastung für einen Diabetes Typ 2,
- Übergewicht (BMI > 25 kg/qm),
- essenzielle Hypertonie,
- Frauen mit Gestationsdiabetes,
- Dyslipidämie.
Eine seltene Indikation ist die Diagnostik unerklärter Hypoglykämien. Hierbei wird nicht nur der Blutzucker, sondern auch Insulin und C-Peptid gemessen, um eine überschießende Insulinproduktion erkennen zu können.
Auch eine koronare Herzkrankheit sollte Anlass sein, den Glukosestoffwechsel zu überprüfen.
Test auf gestörte Glukosetoleranz
Eine gestörte Glukosetoleranz lässt sich durch einen Glukosetoleranztest erkennen.
Voraussetzung Nüchternheit.
- Vor Beginn der Glukoseeinnahme wird der Blutzucker bestimmt (Kapillarblut bzw. venöses Blutplasma).
- Einnahme von 75 g Glukose als Probetrunk gelöst in z. B. 250 ml Wasser (bei Kindern 1,5 g pro kg Körpergewicht).
- Bestimmung des Blutzuckers nach 1 und 2 Stunden. Bei der Diagnostik ungeklärter Hypoglykämien (s.o.) erfolgt auch nach 3 Stunden eine Blutabnahme.
Ein Labormarker für eine gestörte Glukosetoleranz ist ein erhöhtes C-Peptid im Blut.
Interpretation
Eine gestörte Glukosetoleranz liegt vor, wenn
der Nüchternblutzucker zwischen 100 und 110 mg/dl (5,5 – 6,1 mmol/l) liegt, oder
der 2-Stundenwert (bei kapillärer Blutabnahme) zwischen 140 – 200 mg/dl (7,8 – 11,1 mmol/l) bzw. bei venöser Blutabnahme zwischen 120 – 180 mg/dl (6,6 – 10,0 mmol/l) liegt.
Bedeutung einer gestörten Glukosetoleranz
Eine gestörte Glukosetoleranz ist ein Risikofaktor für die Entstehung eines Diabetes mellitus und kardiovaskulärer Erkrankungen, wie Arteriosklerose, koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt und Schlaganfall. 2
Bereits in diesem frühen Stadium bei noch normalem Nüchternblutzucker beginnen mikrovaskuläre Veränderungen, die schließlich zum diabetischen Spätsyndrom führen. Die gestörte Glukosetoleranz wird bereits als Krankheit betrachtet. 3 (Siehe auch unter Prädiabetes.)
Behandlung und Vorbeugung
Bei einer gestörten Glukosetoleranz wird Folgendes empfohlen:
- Süßes vollständig vermeiden, keine Süßigkeiten, kein Nachsüßen mit freiem Zucker,
Gesunde Ernährung, - bei Übergewicht oder Adipositas Gewicht reduzieren (siehe hier),
- für regelmäßige vermehrte körperliche Bewegung zu sorgen,
- sich bezüglich Schädigungszeichen an Blutgefäßen, Augen, Nerven, Nieren und Herz untersuchen zu lassen.
Langzeiterfolg
In einer Studie zeigte sich der Langzeiterfolg: Die kumulative Inzidenz eines inzwischen aufgetretenen Diabetes nach 6 Jahren betrug 67,7 % in der Kontrollgruppe, verglichen mit 43,8 % in der Diätgruppe, 41,1 % in der Gruppe mit körperlichem Training und 46,0 % in der Diät-plus-Trainingsgruppe. 4 Eine Gewichtsabnahme von ~15 kg durch Kalorienrestriktion im Rahmen eines intensiven Behandlungsprogramms kann bei ~80 % der Patienten mit Adipositas auch noch im Stadium eines Typ-2-Diabetes zu einer Verbesserung der Stoffwechsellage mit Remission des Diabetes führen. 5
Pharmakologische Prävention: Eine frühzeitige Behandlung mit Metformin und Acarbose hat einen gewissen Effekt auf die Reduktion des Diabetes-Risikos. 6 Für Metformin wurde im Diabetes Prevention Program (DPP) zusätzlich eine Reduktion der Entzündungsmarker (CRP) gefunden. 7
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Verweise
- Diabetes-Kompendium
- Insulin
- C-Peptid
- Blutzucker
- Typ-2-Diabetes – Entstehung und Entwicklung
- Glukosetoleranz
- Glukosetoleranztest
- Diabetische Folgeschäden
Weiteres
- Diabetologie 2008; 3 Suppl 2: S131–S133[↩]
- Diabet Med. 2010 Dec;27(12):1430-5. DOI: 10.1111/j.1464-5491.2010.03144.x. PMID: 21059096.[↩]
- Am J Cardiol. 2001 Sep 20;88(6A):16H-9H. DOI: 10.1016/s0002-9149(01)01832-x[↩]
- Diabetes Care. 1997 Apr;20(4):537-44. DOI: 10.2337/diacare.20.4.537. PMID: 9096977.[↩]
- Nat Rev Endocrinol. 2020 Oct;16(10):545-555. doi: 10.1038/s41574-020-0381-5[↩]
- Treat Endocrinol. 2002;1(4):205-10. DOI: 10.2165/00024677-200201040-00001.[↩]
- Diabetes. 2005 May;54(5):1566-72. DOI: 10.2337/diabetes.54.5.1566.[↩]
- Diabetes Care. 2007 Mar;30(3):753-9. DOI: 10.2337/dc07-9920.[↩]
- Diab Vasc Dis Res. 2005 Feb;2(1):9-15. DOI: 10.3132/dvdr.2005.007.[↩]
- World J Diabetes. 2021 Jun 15;12(6):786-793. DOI: 10.4239/wjd.v12.i6.786.[↩]