Allgemeines
Die primär biliäre Cholangitis (PBC) umfasst mehrere klinische Subtypen: die klassische AMA-positive PBC (90 – 95 % der Fälle), die AMA-negative PBC (5 – 10 %) und das Überlappungssyndrom AIH-PBC. Die AMA-negative Form der PBC wurde gelegentlich als Autoimmuncholangitis (AIC) bezeichnet, da sie durch Selbstangriff des eigenen Immunsystems auf die kleinsten Gallengangsepithelien entsteht und unterhalten wird. Ein Übergang von einer AMA-negativen zu einer AMA-positiven PBC wird nicht beobachtet.
Klinik
Symptomatik und Verlauf entsprechen denen der primären biliären Zirrhose (PBC), scheint aber zu einem etwas schwereren Verlauf zu tendieren. Klinisch sind die beiden Formen der Erkrankung sonst nicht unterscheidbar. Auch die AMA-negative PBC kann im Laufe der Zeit durch Vernarbungen im Lebergewebe in eine Leberzirrhose übergehen. 1
Diagnostik
Die Diagnostik entspricht im Wesentlichen der der AMA-positiven PBC mit dem Unterschied, dass AMA nicht nachweisbar sind (siehe hier). 2
Laborwerte
Laborchemisch führend sind, wie bei der PBC, die Cholestaseenzyme (alkalische Phosphatase und Gamma-GT); weniger erhöht sind die Transaminasen. In späteren Stadien nimmt die Leberleistung ab; es kommt zu einem Abfall der Syntheseleistungsparameter und einem Anstieg der gallepflichtigen Stoffe wie Bilirubin und Gallensäuren im Blut.
Mit den herkömmlichen Methoden werden AMA nicht nachgewiesen, häufiger dagegen positive ANA– und ASMA-Titer. Die PBC-spezifischen antinukleäre Faktoren Gp210 und sp100 dominieren. Die IgM-Spiegel im Serum sind durchschnittlich niedriger. 3 4
PBC-spezifische Marker
Anti-KLHL12- und Anti-HK1-Antikörper (Anti-Kelch-like 12 und Anti Hexokinase 1) sind hochspezifisch für PBC (≥95 %) und empfindlicher als die bekannten Anti-gp210- und Anti-sp100-Antikörper. Sie fanden sich bei 10-35 % der AMA-negativen PBC. Die beiden Biomarker verbesserten die serologische Sensitivität bei AMA-negativen PBC deutlich im Immunoblot und ELISA. Zusätzlich zu Anti-MIT3, Anti-sp100 und Anti-gp210 stieg die Gesamtsensitivität von AMA-negativen Patienten von 53 % auf 61,8 %. 5 HK1- oder KLHL12-Antikörper finden sich bei 40 % der PBC-Patienten, die bei herkömmlichen PBC-spezifischen Antikörpern (AMA + Anti-gp210 + Anti-sp100) seronegativ sind. Sie bleiben während des Krankheitsverlaufs konstant; HK1-Antikörper sind mit einem ungünstigem Verlauf assoziiert. 6
Autotaxin (ein Enzym, das Juckreizmediatoren in der Haut beeinflusst) wird bei der PBC häufig positiv gefunden (im Mittel 60,7 ng/ml vs. 32,6 ng/ml bei gesunden Kontrollpersonen). Auch bei der AMA-negativen PBC ist die Positivitätsrate von Autotaxin mit 50,0 % hoch. Sie war höher als die von Anti-Sp100- (16,7 %) und Anti-Gp210-Antikörpern (11,1 %). 7
Differenzialdiagnosen
Im Wesentlichen kommen folgende Krankheiten als Differenzialdiagnosen infrage: AIH, PSC mit kleinen Gängen (smal-duct PSC), AMA-positive PBC, IgG4-assoziierte Erkrankungen, Overlap-Syndrome und medikamenteninduzierten Lebererkrankungen.
Therapie
Die Behandlung der AMA-negativen Cholangitis entspricht weitgehend der der PBC (siehe hier). Bei mangelhaften Ansprechen kann ein Versuch mit Steroidhormonen (z. B. Prednisolon) diskutiert werden. Zur Einsparung von Kortikosteroiden kann Azathioprin dienen.
Einordnung
Die frühere Einteilung erfolgte auf dem Boden des immunhistochemischen Nachweises der AMA (AMA-Nachweis im histologischen Schnitt). Unter den Fällen mit AMA-Negativität und ANA-Positivität finden sich jedoch in einer Untersuchung 43 %, die im empfindlicheren AMA-Immunoblot doch AMA-positiv sind. Daher wird angenommen, dass die AIC eine Untergruppe der PBC ist. 8 Inzwischen wird die Existenz einer eigenen AMA-negativen PBC bezweifelt. 9 Vielmehr wird die AMA-negative PBC heute nicht mehr so sehr von der AMA-positiven Form abgegrenzt, sondern eher als Variante betrachtet, da Histologie, Verlauf und Behandlung praktisch gleich sind. 10
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Verweise
Weiteres
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- Clin Liver Dis. 2024 Feb;28(1):93-101. doi: 10.1016/j.cld.2023.07.002.[↩]
- J Clin Med. 2025 Nov 30;14(23):8503. doi: 10.3390/jcm14238503[↩]
- Hepatobiliary Pancreat Dis Int. 2004 May;3(2):288-91[↩][↩]
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- Kinoshita H. et al. Liver 1999; 19: 122-128[↩]
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- Liver Int. 2008 Feb;28(2):233-9[↩]
- Clin Chem Lab Med. 2020 Apr 10;58(9):1499-1507[↩]
- Clin Liver Dis. 1998 May;2(2):303-11, viii-ix. doi: 10.1016/s1089-3261(05)70009-x[↩]
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- Clin Liver Dis. 2018 Aug;22(3):589-601. DOI: 10.1016/j.cld.2018.03.009[↩]
