Glukagonom

Tumor Inzidenz Prävalenz Statistik
Tumorinzidenz

Allgemeines


Das Glukagonom ist ein seltener Tumor der Glukagon-produzierenden Zellen (Alpha-Zellen der Langerhans’schen Inseln des Pankreas). Er gehört zu den neuroendokrinen Tumoren. Er wächst meist langsam und wird erst spät entdeckt. Zu dem Zeitpunkt ist er häufig bereits bösartig (maligne) geworden und metastasiert. Die Prognose bezüglich Lebensqualität und Langzeitüberleben ist wegen des langsamen Wachstums und wegen neuerer Therapiemöglichkeiten relativ gut.

Häufigkeit

Glukagonome machen etwa 1 – 2 % der Pankreastumore aus. Die Inzidenz liegt bei 1 pro 20 Millionen pro Jahr. 1 In etwa 3 % der Fälle liegt eine Assoziation mit einer neuroendokrinen Neoplasie Typ 1 (MEN Typ 1), noch seltener mit der von Hippel-Lindau-Krankheit (eine Phakomatose, seltene multisystemische Erkrankung kombiniert mit gutartigen Tumoren, die maligne werden können) vor. 2

MEN Typ 1

Inselzelltumore

Glukagonome sind Inselzelltumore, einer Gruppe unterschiedlich endokrin aktiver Tumore, die wahrscheinlich von multipotenten Stammzellen des duktalen Epithels abstammen. Sie sind meist im Pankreasschwanz lokalisiert. Unter den endokrin aktiven Inselzelltumoren dominieren das Insulinom und das Glukagonom. Die meisten sind maligne und bei Diagnosestellung bereits in die Leber und regionale Lymphknoten metastasiert. 3 Seltener finden sich Metastasen im Knochen. 4

Glukagon
→ Insulinom

Symptomatik

Eine unspezifische Leistungs- und Gewichtsabnahme sind häufig Anlass für die Diagnostik. Im Vordergrund steht eine Hyperglykämie (oft ohne familiäre Diabetesanamnese), meistens verbunden mit einer nekrotisierenden Dermatitis.

Häufigere Symptome und Befunde sind folgende:

  • Wandernde entzündliche Hautrötungen (nekrolytisches wanderndes Erythem),
  • fleckige Hyperpigmentierungen,
  • entzündliche Mundwinkelrhagaden und eine
  • entzündliche Zungenrötung.

Psychische Veränderungen, z. B. im Sinne einer Depression, sind nicht selten. 1 5

Eine Literaturzusammenstellung fand folgende Symptomhäufigkeiten bei insgesamt 425 Patienten: nekrotisierendes wanderndes Erythem 82,4 %, Hyperglykämie bzw. Diabetes 68,5 %, Gewichtsverlust 60,2 %, Anämie 49,6 %, Glossitis und Stomatitis 41,2 %. 6

Diagnostik

Die Diagnose eines Glukagonoms kommt ins Blickfeld, wenn charakteristische systemische Befunde wie Hautausschlag, Diabetes oder Hypoaminoazidämie  gefunden werden. Alleine die Kombination von Hyperglykämie (bei nicht Übergewichtigen) und eine nekrotisierende Dermatitis oder eine ständige Hyperglykämie verbunden mit einer in bildgebenden Verfahren (z. B. Oberbauchsonographie und Computertomographie) erkennbaren Raumforderung im Pankreas gefunden werden. 7 8 Der Tumor ist oft sehr klein, kann aber auch bereits relativ groß sein. In seltenen fortgeschrittenen Fällen können Lymphknotenvergrößerungen im Oberbauch und ggf. auch bereits Lebermetastasen vorliegen.

Der Beweis wird durch Feinnadelbiopsie zytologisch oder – besser – durch Punktion eines größeren Herdes oder eine operativ gewonnene Gewebeprobe histologisch gestellt. Dabei können histochemische Untersuchungen auf die Hormonproduktion schließen lassen.

Die Ausbreitung des Glukagonoms im Körper wird durch eine Octreotid-Szintigraphie erfasst.

Unter den Laborwerten finden sich eine Hyperglykämie und eine deutliche Erniedrigung der Aminosäurekonzentration im Blut. Der Glukagon-Spiegel kann 1000 pg/mL überschreiten, aber auch nahe an der Normgrenze liegen. Es sollten auch andere neuroendokrine Hormone (wie Insulin) getestet werden, da ein Inselzelltumor wie auch andere neuroendokrine Tumore (z. B. ein Gastrinom) mehrere hormonelle Aktivitäten aufweisen kann.

Befunde zum Zeitpunkt der Diagnosestellung

Das mittlere Alter lag in einer Literaturzusammenstellung von 607 Patienten bei 52,4 Jahren, m:f = 0,79. Die mittlere Tumorgröße von 126 Fällen lag bei 5,0 cm. Metastasen wurden in 49,2 % der Fälle entdeckt. Die mittlere Zeit zwischen erster Symptomatik und Diagnosefeststellung lag bei 31,4 Monaten. 9

Therapie

Ziel der Therapie ist 1. eine Tumorentfernung oder -verkleinerung, und 2. eine Symptomkontrolle. Herkömmliche Zytostatika haben erhebliche Nebenwirkungen und eine nur marginale Wirkung.

Octreotid ist ein Somatostatin-Analog, welches die Hormonproduktion neuroendokriner Tumore hocheffektiv unterdrückt und auch beim Glukagonom erfolgreich verwendet wird. 10 Tumore, die kein oder nur gering Hormon produzieren, profitieren von Octreotid nicht, da es keine Antitumorwirkung entfaltet. Eine Alternative stellte früher Interferon-alpha dar, welches bei etwa 50% der Betroffenen wirkt. 11

Neue Entwicklungen lassen Sunitinib, Bevacizumab und Everolimus aussichtsreicher erscheinen. 12

Bei neuroendokrinen Tumoren, die trotz Therapie fortschreiten, ist eine Radiotherapie mit Lutetium-177 (Lu-177) möglich. 13

In einer zusammenfassenden Auswertung von Studien wurden 83,3 % der Patienten operiert; 45,2 % wurden mit Somatostatinanaloga (SSA) behandelt, 10,7 % mit Chemotherapie, 7,1 % mit Everolimus und 4,8 % mit Sunitinib. Die Ergebnisse waren jeweils ähnlich. 14

Prognose

Das Glukagonom wächst meist sehr langsam. Es ist ein Fall beschrieben, bei dem der Patient mit einem metastasierten Tumor 21 Jahre ohne Therapie überstand. 15

Durch die heute oft aggressive Therapie werden Langzeiterfolge erzielt.


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Verweise

Weiteres

Literatur: 16 17 18

  1. Clin Case Rep. 2020 Jan 3;6(1):e46-e49. doi: 10.4158/ACCR-2019-0211. PMID: 32524009; PMCID: PMC7279770.[][]
  2. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2016 Dec; 30(12):2016-2022.[]
  3. Eur J Surg Oncol. 2008 Mar; 34(3):324-32.[]
  4. World J Gastrointest Oncol. 2012 Jun 15;4(6):152-5[]
  5. Exp Ther Med. 2020 Oct;20(4):3389-3393. doi: 10.3892/etm.2020.8966. Epub 2020 Jul 3. PMID: 32905095; PMCID: PMC7465236.[]
  6. Oncol Lett. 2018 Mar;15(3):2749-2755. doi: 10.3892/ol.2017.7703. Epub 2017 Dec 28. PMID: 29435000; PMCID: PMC5778850.[]
  7. Curr Opin Oncol. 2005 Jul; 17(4):386-91.[]
  8. JAAD Case Rep. 2025 Jun 19;63:154-157. doi: 10.1016/j.jdcr.2025.06.009[]
  9. Oncol Lett. 2018 Mar;15(3):2749-2755. doi: 10.3892/ol.2017.7703.[]
  10. Curr Opin Oncol. 2006 Jan; 18(1):23-9[]
  11. Hepatogastroenterology. 2007 Jan-Feb; 54(73):278-84[]
  12. Gland Surg. 2018 Feb;7(1):20-27. doi: 10.21037/gs.2017.10.08. PMID: 29629316; PMCID: PMC5876681.[]
  13. N Engl J Med. 2017 Jan 12; 376(2):125-135.[]
  14. Clin Endocrinol (Oxf). 2025 Oct;103(4):417-426. doi: 10.1111/cen.15300[]
  15. Am J Med Sci. 2007 Sep;334(3):225-7. doi: 10.1097/MAJ.0b013e318141ff0b. PMID: 17873541.[]
  16. Clin Endocrinol (Oxf). 2025 Oct;103(4):417-426. doi: 10.1111/cen.15300.[]
  17. Clin Case Rep. 2020 Jan 3;6(1):e46-e49. doi: 10.4158/ACCR-2019-0211[]
  18. Eurasian J Med. 2009 Apr;41(1):70-2. PMID: 25610069; PMCID: PMC4261651.[]